Peter Albert – Patagonien 2016

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9. Mai 2016

Von Dingen die sich ändern und Dingen die sich nie ändern!

Wir liegen auf einem Felsband. Warum? Weil es für uns im Moment nicht weiter geht. Weil wir, Ben und ich solange es möglich war geklettert sind. Jetzt liegen wir hier inmitten dieser Wand auf unserem Band im Schnee und liegen weil wir nicht weiter klettern können im Biwaksack. Dabei sind wir den ganzen Tag gestiegen und geklettert. Ohne nennenswerte Pause, nur kurz essen oder trinken und weiter. Trotzdem sind wir noch lange nicht am Ziel, laut Beschreibung fehlen uns noch 10 Seillängen bis zum Ende der Schwierigkeiten. Wir haben den Betrieb eingestellt, da der Wind zum Sturm wurde. Deshalb sitzen wir hier auf unserem Band während die Schlüssellänge genau über uns thront.

Heute Früh zu Beginn der Kletterei haben wir einem Griechen geholfen und ihn über eine kombinierte Passage mit unserem Seil gesichert. Wir wollten nicht zusehen wie der Kerl mit seinen Alusteigeisen in unserem Beisein hinuntersegelt. „Also los, bind dich ein und komm bis
zum Col mit uns!“. Später biegt er ab um seinen Solotrip an der „Franco-Argentina“ fortzusetzen. Danach sind wir wieder allein am Weg. Vor ein paar Stunden konnten wir die Amerikaner denen wir am Einstieg begegnet sind unter uns noch sehen. Sie sind nachdem sie ein Materialdepot am
Italienercol eingerichtet hatten wieder abgestiegen. Genauso unser Grieche.

Wir sind weiter geklettert. Dafür liegen wir jetzt in unserem Biwaksack, während der Wind an ihm zerrt und es die ganze Zeit rattert. An Schnee schmelzen ist nicht zu denken. Am grünen Tisch hat es sich ganz einfach angehört. 60km/h in Böhmen 80? Kein Problem! Klar, im Biwaksack kochen, wär ja nicht das erste Mal. Pustekuchen! Es rattert das es kracht. Kein Weg, kein Wasser viel Durst. Trockene Kehlen machen soulige Stimmen, Barry White Scheissdreck dagegen. Zu singen fangen wir nicht an, dafür zu hoffen. Da wir an Höhe alles um uns herum überragen geht die Sonne später unter als im Tal. Es bleibt länger hell und die Morgensonne erreicht uns vor allen anderen. Aber keine Sorge, die Nacht ist lang genug. Wir teilen. Dazu fällt mir ein Lied ein. „ Wir teilen klatsch klatsch Äpfel aus,… wir teilen Hunger und Not, wir teilen Wasser und Brot…. Wasser teilen? Was für ein Luxus. Ist gerade ausverkauft. Ben hat mir beigebracht, dass es energetisch günstiger ist Eis zu schmelzen statt Schnee. Unser aktueller Standortvorteil: Wir produzieren mit der Abwärme die unsere Hintern an die Schneeschicht unter uns abgeben eine Eisschicht, die wir Morgen zu Wasser schmelzen werden, Klasse was? So sitzen wir hier, produzieren Eis und hoffen. Hoffen, dass der Wetterbericht auch Recht hat. Recht hat damit, dass es heute Nacht aufhört zu pusten und wir morgen weiter klettern können. Im Augenblick allerdings rattert es munter weiter. Da wir wie gesagt teilen liege ich auf 1/3 und Ben auf 2/3 der geteilten Isomatte. Auch den Schlafsack teilen wir. Allerdings ohne Messer. Einer vorne, einer hinten, 4 Füße im Fussteil, Löffelstellung. Umarmung inclusive weil die Arme sonst eingeklemmt zwischen Körper und Steinen einschlafen. Schön warm! Der Gedanke an einen Rückzug über gefühlte 2000 Höhenmeter im Fels und Eis sickert in die Birne. Unterstützend dazu drückt mir mein Helmkissen seinen Rand in den Hinterkopf.

Das Kopfkino startet. Unsere bisherige Aufstiegsroute hat quasi kein fixes Material, ist stark zerklüftet. Abseilen in diesem Gelände hat wenig Sexappeal. Dann eine Querung über 70°steiles Blankeis… brrrr schauderhaft, bitte nicht. Also hoffen. Hoffen, dass die Meteodaten richtig interpretiert sind, dass die Anströmung über den Pazifik sich nicht plötzlich verändert, dass die lange Welle, der Trog blieben wie das Modell sie gerechnet hat. GSF* weil das ja klar ist. Schöne Hoffnung.

1968 bei der Zweitbesteigung des Fitz Roy, auf genau der Route die wir probieren, haben die Erstbegeher über 35 Tage in einer Schneehöhle gesessen und auf schönes Wetter gewartet. Kein Internetwetterbericht, kein GSF*, nur Intuition, Mut und Passion, Funhogs* eben. Aber keine Angst für 35 Tage haben wir weder Essen noch Trinken, also doch Rückzug? Halt, Gedankenstopp! Wir dösen. Für schlafen reicht es nicht, zu viel Anspannung. Außerdem platzt gleich die Blase. Das geht scheinbar auch ohne Trinken, interessant! Allerdings entbehrt die Vorstellung sich die Schuhe anzuziehen und den Biwaksack zu verlassen jeglicher Grundlage. Also liegen bleiben und ungetrunken weiter vor sich hinplatzen.

Irgendwann beginnen die Felsen um uns herum ihre Farbe zu verändern. Sie färben sich goldbraun, nein rotgold, oder ockergelb, vollkommen egal die Sonne streichelt unsere Füße. Endlich Ruhe, endlich schlafen,endlich der lang erhoffte Frieden? Falsch! Nur ein kurzer kurzer Augenblick im Halbschlaf. Unentschlossenes Sein zwischen Bewusstheit und Regiment des Schlafes. Auf, los! Attackiert das Bewusstsein. Und da rechnen noch nicht gut funktioniert komme ich nur langsam drauf, dass wir jetzt etwa 17 Stunden Zeit haben um bei Helligkeit an unserer Idee zu arbeiten. Eine großartige Perspektive, dafür bin ich dankbar!

*Funhogs
*GSF

Unser Ausflug auf den Fitz Roy dauerte vom Startpunkt „Laguna de los tres“ retour 48 h. Kurz zuvor am 31.12.2015 hat Colin Haely den Fitz Roy via „Californiana“ von Bergschrund zu Bergschrund in weniger als 16h überschritten.

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