Scarpa Stories: Jochen Perschmann

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24. März 2017

Scarpa Stories Jochen Perschmann

Jochen Perschmanns Story beginnt im zarten Alter von drei Jahren, als er zum ersten Mal einen Gurt angelegt bekommt. Das Klettern wird ihm quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater, selbst ein Bergsteiger, ist ständig unterwegs, auf Hochtouren in den Alpen oder in den Anden. Seine beiden Söhne, Jochen und der drei Jahre jüngere Axel, sind so oft es geht mit ihm unterwegs. Mit zwölf steht Jochen auf seinem ersten 4000er, klettert Wasserfälle und reißt sich auf seiner ersten Skitour gleich das Kreuzband. Gebremst hat ihn das nicht.

„Ich war früher eher ein Bergsteiger. In meiner Jugend habe ich Everest-Bücher verschlungen. Da wollte ich eigentlich auch immer hin, ein großer Bergsteiger werden, Bergführer werden und die großen Berge der Welt besteigen.“

In seiner Heimat Stuttgart nimmt dann alles den gewöhnlichen Lauf. Über eine Kletter-AG der Schule geht es in eine Wettkampfgruppe vom DAV. Die normalen Gruppen waren ihm nicht aktiv genug, er wollte immer mehr, immer besser werden. Aus dem vermeintlichen Bergsteiger wird schnell ein Sportkletterer. Für die großen Berge dieser Welt bleibt neben gezieltem Training und den ersten Jugend-Cups kaum noch Zeit.

„Ich hatte dann auch schon früh Meinungsverschiedenheiten mit den Trainern. Wenn Deutschland-Cups vor der Tür standen, musste ich am Plastik Routen spulen und Pumpen für meine Ausdauer. Aber ich hatte immer schon Projekte draußen am Fels. Für die wollte ich auch trainieren, ich wollte ständig raus. Es hat mich damals genervt, dass ich an Wochenenden bei Wettkämpfen meine Zeit in der Iso geopfert habe. Das war eine coole Zeit, ohne Frage, aber ich bin auch froh über meine Entscheidung, mich nach dem Abi aufs Felsklettern konzentriert zu haben.“

Nach seinem Abitur will er raus, Neues sehen und erleben. Er geht auf Weltreise, zum Klettern natürlich. Als er mit 21 zurück kommt, geht es ins Frankenjura. Zivildienst. Er hat sich absichtlich nicht ausmustern lassen, weil es damals ein offenes Geheimnis war, dass man als Zivi bei Essen auf Rädern nicht nur etwas richtig Gutes und Sinnvolles für ältere Menschen tun konnte, sondern obendrein auch Nachmittage frei hatte und so wunderbar jeden Tag klettern konnte. Sein Sportmanagement-Studium bringt ihn dann über Innsbruck wieder zurück in die Fränkische, nach Nürnberg. Heute wohnt Jochen mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Oberschöllenbach, die legendäre WG von Wolfgang Güllich und Kurt Albert liegt direkt um die Ecke.

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Bei seiner Arbeit als Trainer legt er von Anfang an viel Wert darauf, die Kinder und Jugendliche, die er trainiert, nicht für Wettkampfteilnahmen zu verpflichten. Er will Kinder trainieren, die draußen schwer klettern wollen. 2007 gründet Jochen, zusammen mit anderen, den Baden-Württembergischen Felskader, den er fünf Jahre lang leitet.

„Wir hatten damals schon immer die Intention, mit dem Kader irgendwo hin zu fahren, wo vielleicht noch niemand war, und irgendwas Neues zu machen. Wir wollten jungen Kletterern die Möglichkeit geben, Trips zu machen, die sie sonst nicht machen könnten. Also sind wir nach Afrika, Spanien oder Rumänien gefahren, auch zum Bohren und Erstbegehen.“

Jochens Leben dreht sich vor allem ums Klettern und Bouldern. Um Geld zu verdienen gibt er vor allem Kletterkurse, macht Routenbau oder Hallenwartungen. Seine Urlaube, Trips, die Arbeit, Familienbesuche, alles verschwimmt mit dem Klettern. Wenn er zu seinen Eltern oder Schwiegereltern fährt, wird am Tag darauf eben dort in der Halle noch geschraubt.

Eine Standard-Woche oder einen geregelten Alltag gibt es nicht und gab es auch nie. Manchmal ist er eine Woche unterwegs, schraubt 70, 80 Stunden für einen Wettkampf, und die Woche darauf ist er tagsüber zuhause bei den Kindern, seine Frau arbeitet, und er fährt eben Abends los. Sein Studium sieht er als eine Art Lebensversicherung.

„Irgendwann kommt die Zeit, da werde ich nicht mehr so aktiv sein können, zumindest nicht wie jetzt. Gerade der Job als Routenbauer ist anspruchsvoll. Wenn man verletzt ist, kann das ganz schnell vorbei sein. Klar, ich schreibe auch Artikel und verkaufe Fotos, aber das hängt ja alles miteinander zusammen. Wenn ich keine großen Aktionen mache, kann ich keine Fotos machen, keine Artikel schreiben. Man braucht also immer irgendwas, irgendein Abenteuer oder ein Projekt.“

„Große Aktionen machen“, wie er das nennt, ist bis heute definitiv seine Sache.

„Nach der Geburt meiner ersten Tochter sind wir direkt nach Neuseeland, Australien und Norwegen geflogen, waren knapp ein halbes Jahr unterwegs. Ich sehe heute dann oft eher aus wie ein Sherpa. Crashpad auf dem Rücken, Rucksack vorne dran, Kind auf der Schulter.“

In Australien gelingt ihm mit Skorpion King eine seiner größten Erstbegehungen.

„Ein uraltes, offenes Projekt. Ich versteh bis heute nicht, warum das niemand geklettert hat. Es haben anscheinend viele starke Leute probiert. Aber es war tatsächlich 17 Jahre lang offen. Ich habe drei Tage dafür gebraucht, um es zu befreien. Das war ein besonderer Moment.“

Schwierigkeitsgrade spielen natürlich eine wichtige Rolle in Jochens Leben, aber nicht die wesentliche.

„Am Ende ist alles subjektiv, es wird abgewertet, neue Varianten gefunden… Wenn Du selbst ein Projekt findest, putzt, einbohrst, eine riesen Arbeit damit hast, und es dann kletterst – das sind die größten Momente für mich. Das kann eine Linie sein oder auch ein neues Gebiet. Wenn Du dann noch ein Topo machen kannst und siehst, das andere Leute Deine Sachen probieren, ist das jedes Mal etwas Besonderes. Auf der Welt Spuren zu hinterlassen, das fasziniert mich.“

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Manchmal durchstöbert er Ausgaben von National Geographic oder verbringt Stunden mit Google Earth, um irgendwo auf der Welt noch unbekannte interessante Felsen zu finden. Ihn treibt das Entdecken, die Suche nach Neuem, das Abenteuer. Das tagelange Herum-Fahren durch Regen, Felsen suchen, die sich dann auch oft nur als Bruchhaufen herausstellen, weiterfahren, weitersuchen. Eine Linie finden, sie aber nicht klettern dürfen, weil Weißkopf-Seeadler dort nisten. In Norwegen sind sie tagelang zu neunt in einem Sprinter unterwegs. Dauerregen. Die Stimmung am Tiefpunkt. Aber dann finden sie eben doch noch etwas…

„Crack the Back in Norwegen war so eine Tour, die ich von unten hoch gebohrt habe, über Stunden, Haken für Haken. Du bist platt vom Putzen und hast dann eine echt schwere Tour vor Dir und klippst am letzten Tag vor dem Abflug den Umlenker. Das ist Wahnsinn. Das vergisst man nicht mehr. Bei Crack the Back hing ich an diversen Skyhooks und Camelots, um die Haken zu bohren, mit Selbstsicherungen. Da sind mir zwei Cams rausgerutscht und ich hing nur noch am Bohrer in der Wand, 20 Meter über dem Boden. Der hat mir das Leben gerettet. Beim Durchstieg habe ich mir dann das Kreuz gezerrt und konnte drei Tage lang nicht laufen. Daher der Name.“

In Mazedonien stapfen sie wieder tagelang durch den Nebel und finden nichts. Auf der Straße entwickelt sich ein Gespräch mit einem Mazedonier, es fällt irgendwie, irgendwann das Wort Felsen. Kurze Zeit später sind sie auf dem Weg auf einen Berg, auf dem auf 1400m ein Kloster steht, umringt von Blöcken – über dem Wolkenmeer.

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„Für dieses Gebiet haben wir dann ein Topo gemacht mit bestimmt 60 Bouldern, die wir alle erstbegangen haben. Das Kloster war zwar abgebrannt, aber es hat dort noch ein Mönch gewohnt. Mit den Leuten, die dort wohnen und einen Bezug zu der Landschaft haben, gut Freund sein, das ist immer wichtig. Man betritt ihr Land und verändert es durch das Putzen, Chalk oder durch die Haken. Durch die Verbreitung der Bilder hinterher im Netz lockt man noch mehr Menschen an, die kommen.“

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Jochen ist mit Abenteuer-Literatur groß geworden und hat seine Träume Realität werden lassen. Auch, weil er immer bereit war, Risiken einzugehen und die eigene Zeit, Energie und ja, auch Geld, in Vorhaben zu investieren, bei dem die Ergebnisse alles andere als sicher waren. Heute wird er selbst für Multivisionsvorträge seiner Abenteuer gebucht.

„Sollte doch irgendwann weniger Zeit fürs Reisen bleiben, wohnen wir ja immer noch nicht ohne Grund hier im Frankenjura. Ich freue mich, hier mehr Zeit verbringen zu können. Auch, um vielleicht mal andere Projekte anzugehen. Ein altes Fachwerkhaus renovieren zum Beispiel. Hier ein eigenes Haus bauen, das wäre ein Traum…“

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Das Klettern und Bergsteigen eröffnet uns neue Perspektiven. Dabei geht es nicht immer nur um Höchstleistungen, sondern auch um eine Art zu Leben.

Unser Scarpa Team besteht aus einer Menge erfahrener und junger Weltklasse-Athleten, die viel zu erzählen haben. Durch die Scarpa Stories nehmen wir uns Zeit, in Ruhe zuzuhören.

Story #1: Jochen Perschmann
Story #2: Moni Retschy
Story #3: Sebastian Halenke
Story #4: Dicki Korb
Story #5: David und Ruben Firnenburg
Story #6: Toni Lautenbacher
Story #7: Michi Wärthl
Story #8: Dirk Uhlig

 

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