Scarpa Stories: Moni Retschy

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5. Mai 2017

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Moni Retschys Story dreht sich darum, neue Wege zu ebnen, neue Wege zu gehen. Sie beginnt im Alten von elf Jahren, als Moni zum ersten Mal eine Kletterhalle betritt. Weil es geregnet hat, musste die DAV-Familienwandergruppe nach drinnen ausweichen. Seitdem redet sie von nichts Anderem mehr, erzählen ihre Eltern.

Dass das Klettern für Moni schon früh zum Leistungssport geworden ist, war damals gar nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung. Sie klettert einfach so viel sie kann und bekommt dann das Angebot, in einer Jugendgruppe zu trainieren. Die Freude war groß, denn für Moni hat das in erster Linie bedeutet, unter der Woche noch mehr Klettern gehen zu können. Damals war ihr nicht bewusst, dass das eigentlich der entscheidende Moment war, der ihre Wettkampfkarriere gestartet hat.

„Ich habe immer gerne Sport gemacht und viel probiert. Turnen, Schwimmen, Laufen, Leichtathletik, aber nur das Klettern hat mich langfristig gefesselt. Vielleicht weil es damals noch kein bekannter Sport war, es war etwas Neues. Bouldern kannte auch noch fast niemand. Es war so ein kleines Abenteuer. Heute ist Klettern alles in meinem Leben. Es dreht sich alles ums Klettern. Das Studium steht hintenangestellt, mein ganzer Lebensablauf und Alltag ist dem Klettern untergeordnet.“

2004 wird Moni Gründungsmitglied des ersten Wettkampfteams des DAV München, damals noch bei den Junioren. Nach den ersten nationalen Wettkämpfen bei den Erwachsenen im Jahr 2007 folgt 2010 ihre erste Teilnahme an einem internationalen Wettkampf. Als Mitglied der Jugendnationalmannschaft wird sie für den Weltcup in ihrer Heimatstadt München eingeladen. Zwei Jahre später wird sie in den Nationalkader aufgenommen. Seitdem nimmt sie an nahezu allen nationalen und internationalen Wettkämpfen teil. 2009, 2010 und 2011 wird sie deutsche Vizemeisterin, 2013 und 2016 deutsche Meisterin. 2013 steht sie zum ersten Mal in einem Weltcupfinale, diese und die darauf folgende internationale Wettkampfsaison beendet sie auf Platz 11. Bei den Europameisterschaften 2013 und 2015 verpasst sie jeweils mit dem vierten Platz nur knapp das Podium. Beim Weltcup in Navi Mumbai 2016 wird sie Zweite und erfüllt sich mit Platz fünf der Gesamtwertung einen Lebenstraum.

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Die Chronologie von Monis Wettkampfkarriere liest sich ähnlich wie die anderer erfolgreicher Athleten anderer Sportarten. Was dabei untergeht, ist ihr Weg dorthin. Ihren Weg zur internationalen Spitzenathletin hat sie sich selbst geebnet, und mit ihr hat sich das Bouldern vom Klettertraining zu einer olympischen Sportart gewandelt. Wer ihre Entwicklung verfolgt, verfolgt auch die Entwicklung des Boulderns als Sportart insgesamt – mit allen Höhen und Tiefen, die diese Entwicklung mit sich bringt.

Ihre Kletterbegeisterung wollte sie immer schon weitergeben und teilen. Sie beginnt früh mit der Ausbildung zur Jugendleiterin, ab 2012 trainiert sie in München den Kletternachwuchs.

„Ich hatte das Bedürfnis sowohl mein mir selbst angeeignetes Wissen an Jüngere weiter zu geben, als auch selbst etwas zu lernen, das ich auch für mich nutzen kann. Damals gab es noch nicht viele Trainer, vor allem keine Wettkampftrainer. Durch die Trainerausbildung, die ich dann im Anschluss gemacht habe, habe ich eben auch viel gelernt, dass ich für mein eigenes Training nutzen konnte.“

Trainerin will sie aber nie werden. Zumindest nicht vollberuflich. Klettern soll ihr Sport bleiben, sagt sie.

„Ich mache das gerne nebenberuflich und werde das Trainersein vermutlich nie aufgeben, aber ich will nie davon abhängig sein. Ich möchte nie diese Leistungen bringen müssen und möchte die Kinder nicht unter Erfolgsdruck setzen, weil ich ihn als Trainer hätte. Mir geht es um den Spaß am Klettern, den will ich vermitteln.“

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Wenn Moni rückblickend über ihr Trainerdasein erzählt, wird schnell klar, dass dieser eigene Weg nicht immer einfach war. Irgendwie, irgendwo ging es schnell auch um das Spannungsfeld zwischen Beruf und Berufung. Diese Herausforderung, den Anforderungen einer professionellen Sportkarriere gerecht zu werden und gleichzeitig den Druck zu spüren, ihren Lebensunterhalt jetzt und in Zukunft zu verdienen, ist bei aller Leidenschaft für den Sport allgegenwärtig. Die professionellen Strukturen, die anderen Sportlern in anderen Sportarten den Weg in eine professionelle Karriere vorbereiten, gab und gibt es im Klettern und Bouldern nicht.

„Wenn Klettern mein Beruf wäre, wenn ich von dem Sport wirklich leben wollen würde, müsste ich mich heutzutage auch damit arrangieren, mich bestmöglich zu vermarkten, alle paar Sekunden etwas auf Facebook und Instagram posten und möglichst immer in den Medien stehen. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, weil Klettern nie mein Beruf werden wird. Daher habe ich ja auch studiert. Ich mache es gerne und freue mich über jede Unterstützung, aber ich verkaufe mich nicht.“

Nicht nur die Strukturen des Sports verändern sich, auch das Bouldern selbst wandelt sich immer mehr. Bouldern hat sich von der Trainingsidee entwickelt zu einem eigenen Sport. Heute geht es um Dynamik, um Springen, Hüpfen, Platten schleichen. Im Grunde hat sich Bouldern von einem Kraft- zu einem Bewegungssport entwickelt.

„Für mich hat das bedeutet, mein Training komplett umzustellen. Für den Wettkampf musste ich lernen, mich mit Sachen auseinanderzusetzen, auf die ich weniger Lust hab. Springen zum Beispiel. Ich hasse Springen. Ich hasse es. Man überlebt heute aber keinen Wettkampf, wenn man nicht Springen kann. Das hat mir aber viel für meinen Alltag gebracht, Dinge zu erledigen, die mir nicht so viel Spaß machen. Man muss sich im Training eben auch mal quälen, wenn man im Wettkampf dabei bleiben will. Umgekehrt ist es schön zu sehen, dass es etwas bringt. Ich mag Springen zwar immer noch nicht, aber habe es zumindest gelernt.“

Das war früher natürlich schwieriger umzusetzen als heute.

„Damals, das heißt im Jahr 2004, gab es kaum Möglichkeiten, wirklich strukturiert zu trainieren, wie man das von etablierten Sportarten kennt. Selbst heute gibt es kaum Trainer, die mir noch etwas erzählen können, weil ich selbst einfach durch meine ganzen Trainerausbildungen, mein Sportstudium und die Wettkampf- und Trainingserfahrungen mehr Wissen habe.“

In ihrer Jugend hat sie vor allem von der Sektion München und Oberland für ihr damaliges Level viele sehr gute Trainer gestellt bekommen. Mit dem Ende der Jugendförderung war das vorbei.

„Seitdem muss ich eigentlich alles selbst machen. Ich gestalte bis heute mein Training alleine für mich. Das hatte für mich aber natürlich auch Vorteile, selbstständig werden zu müssen.“

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Für die heutige Jugend ist vieles anders. Es gibt mehr sehr gute Trainingsmöglichkeiten und viel mehr Trainer, die viel Wissen haben und mit der Jugend mit wachsen.

„Die ganz jungen Talente heute kennen das wahrscheinlich gar nicht mehr, so richtig auf sich gestellt sein zu müssen. Die Jugend weiß heute viele Sachen übers Training nicht, weil sie die gar nicht wissen muss. Trainingsplanung, -Gestaltung und -Taktung bekommen die vorgesetzt – was an und für sich super ist, weil sie sich eben nur aufs Trainieren konzentrieren können. Aber wenn sie das reflektieren sollen, wird es schwierig, weil sie eben gewohnt sind, das eher zu konsumieren.“

Das Reflektieren gehört für Moni aber zum Sport dazu. Nur: Das braucht Zeit.

„Die hat man in der Regel aber nicht, weil man sich auch heute noch nicht 100% aufs Klettern konzentrieren kann. Dazu verdient man beim Klettern nicht genug, man muss immer Beruf oder Studium nebenbei haben. Das raubt die Zeit um gleichzeitig zu trainieren und zu reflektieren.“

Wenn man jetzt zur Zeit an der Spitze mitklettern will, hat man die Wahl: Trainieren und darüber reflektieren, aber keinen Beruf oder Studium. Oder man konsumiert das Training eher und es fehlt die Zeit zum Reflektieren. Die Leistungen gehen immer weiter nach oben und damit steigen die Anforderungen an die jungen Athleten. Gleichzeitig bekommen sie aber nicht die Entlastung durch die Schule oder Uni, die nötig wäre.

„Zwischen Abi und Studium hatte ich eineinhalb Jahre frei gemacht um mich nur auf den Sport zu konzentrieren. Da habe ich extrem viel gelernt, meine internationale Wettkampfkampfkarriere hatte begonnen und ich habe gemerkt, wie schön das ist, sich nur aufs Klettern zu konzentrieren. Aber man merkt dann schnell den Druck, dass man davon nicht leben kann. Das kam bei mir nicht von den Eltern, das habe ich einfach selbst schnell gespürt. Also habe ich mich entschieden, mit dem Studium anzufangen. Die Vorlesungen, Lernen, die fehlende Zeit… das ist alles eine enorme Doppelbelastung.“

Sie lernt, dass Training nur dann für sie Sinn macht, wenn sie sich dafür bereit fühlt. Ob man trainiert, weil man in einem bestimmten Zeitfenster trainieren muss – zum Beispiel Abends nach der Uni, weil sonst einfach keine Zeit ist – oder ob man trainiert, wenn man sich entsprechend bereit dafür fühlt, wirkt sich auf die Trainingsqualität aus.

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„Es gibt aber auch in den Rahmenbedingungen, in denen ich Wettkampfsport mache, gar keine andere Möglichkeit, als selbstbestimmt zu trainieren, bis heute. Ich könnte ja auch gar keinen Trainer bezahlen. Diese Kosten könnte ich nicht tragen, und der DAV kann mir eben nur Trainer stellen, die bei denen sind, aber da gehöre ich letztendlich ja selbst dazu. Natürlich habe ich super viele Kontaktpersonen und Ansprechpartner, an die ich mich wenden kann. Aber es gibt niemand, der mich durchs Training begleitet und auch mal motiviert und mir in den Arsch tritt. Das würde aber manchmal helfen. Sich immer wieder selbst motivieren zu müssen ist gar nicht immer so einfach.“

Anfang 2016 schließt Moni ihr Studium ab und hat den ganzen Sommer frei. Sie kann sich seit dem Abitur zum ersten Mal in ihrer Karriere für eine Saison nur auf den Sport konzentrieren. Es wird ihre beste Saison, sie erreicht den fünften Platz in der Weltcup-Gesamtwertung und steht in Navi Mumbai mit dem zweiten Platz zum ersten Mal auf dem Podium.

Heute ist die Mentalität bei internationalen Wettkämpfen genauso wichtig wie die körperliche Fitness. Im Training würden alle vermutlich gleich stark klettern, sagt Moni. Aber im Wettkampf entscheidet der Kopf und die Tagesform. Dementsprechend gut tut es, wenn der Kopf frei ist von Klausuren oder Prüfungen.

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„Ich hatte immer ein Langzeit-Ziel, irgendwann Mal die Top 10 in der Gesamtwertung bei den Weltcups zu knacken. Das war ein riesen Ziel und ich konnte mir nie vorstellen, dass ich das mal erreiche. Man muss über das ganze Jahr stark sein und über die Saison hinweg die verschiedensten Boulder klettern, egal ob dir der Routenbau mal liegt oder nicht. Das sagt schon viel aus. Daher war das mein großes Ziel. Und das habe ich jetzt plötzlich erreicht. Das war unbeschreiblich.“

Nach Navi Mumbai reiste der Weltcup im Verlauf der Saison weiter. In München schafft sie den Einzug ins Finale nicht. Ihr zweiter großer Traum, einmal vor heimischem Publikum ein Finale zu bouldern, bleibt aber vorerst ein Traum.

„Das letzte Jahr war überwältigend, mit ganz krassen Höhen und Tiefen. Der zweite Platz in Indien war ein gigantisches Gefühl. Aber der Heimweltcup in München war eine echte Enttäuschung. Das war ein ordentliches Tief. Ich glaube, ich brauche jetzt einfach das Jahr, um mich neu zu orientieren, mir neue Ziele zu setzen.“

Heute ist Moni ohne Zweifel Vorbild für viele junge Boulder- und Klettertalente. Sie ist Teil einer ersten Generation von Wettkampfboulderern in Deutschland, die durch das Gehen ihres eigenen Weges auch den Weg für andere geebnet haben. Moni ist mit dem Bouldern erwachsen geworden – und das Bouldern mit ihr.

Scarpa-Stories-Liste

Das Klettern und Bergsteigen eröffnet uns neue Perspektiven. Dabei geht es nicht immer nur um Höchstleistungen, sondern auch um eine Art zu Leben.

Unser Scarpa Team besteht aus einer Menge erfahrener und junger Weltklasse-Athleten, die viel zu erzählen haben. Durch die Scarpa Stories nehmen wir uns Zeit, in Ruhe zuzuhören.

Story #1: Jochen Perschmann
Story #2: Moni Retschy
Story #3: Sebastian Halenke
Story #4: Dicki Korb
Story #5: David und Ruben Firnenburg

 

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