Scarpa Stories: Dicki Korb

zurück
28. Juli 2017

Ludwig „Dicki“ Korb, Jahrgang 1966, ist eine Art lebende Legende. Pädagoge, Therapeut, Functional Trainer, viele Jahre Bundesstützpunkttrainer, Mitglied des erweiterten DAV-Lehrteams. Ein moderner Guru. Seit dem Erfolg der Trainingsbibel „Gimme Kraft“ kommen junge Talente und namhafte Profis aus der ganzen Welt, um sich von ihm und Patrick Matros in den Räumen des Café Kraft in Nürnberg trainieren und beraten zu lassen. Beide haben in großen Teilen das moderne Verständnis von Kletter- und Bouldertraining geprägt.

scarpa-stories-dicki

Dabei hat es, für heutige Maßstäbe, ziemlich lange gedauert, bis Dicki das Klettern für sich entdeckte. Mit elf oder zwölf Jahren haben ihn Freunde das erste Mal zum Trial fahren mitgenommen. Mit Mopeds, 75 Kubik, ging es quer durch den Pfälzer Wald. Während des Fahrens sah er damals schon links und rechts im Wald die Menschen klettern, aber mehr als eine gewisse Neugier entstand damals noch nicht. Mit 20 sah er dann im Fernsehen einen Bericht über Klettern und dachte sich: „Das probiere ich jetzt auch mal aus.“

Also kaufte er sich ein paar Schuhe, ein T-Shirt und einen Chalkbag und ist – bestens ausgerüstet, wie er dachte – wieder in den Pfälzer Wald. Dieses Mal aber zum Klettern, zum Fels Braut und Bräutigam, und dort den Kamin hoch. Auf neun oder zehn Metern kam er dann weder vor noch zurück.

Er steckt fest. Unten spielten Kinder, die man nach Hilfe oder einer Leiter hätte fragen könnte. Doch dann kam eine Klettergruppe. Alle kletterten den Kamin hoch, in dem er fest steckte. An ihm vorbei, um ihn herum.

IMG_5607

„Die haben gedacht, ich wäre da free solo unterwegs und fanden das krass. Ich habe mich natürlich nicht getraut, etwas zu sagen. Als die Gruppe sich dann abgeseilt hat, steckte ich schon bestimmt zwei Stunden in dem Kamin fest. Die Gruppenleiterin hat mich dann am Ende zum Glück da doch noch runtergeholt.“

Sein erster Kontakt mit Klettern war also eine Erfahrung, vor der sich viele fürchten. Aber gerade das hat ihn fasziniert. Seit diesem Tag fühlte er sich immer sicher am Fels. Er merkte, dass das „irgendwie seins“ ist. Ihm taugten die Bewegungen, er fühlte sich einfach wohl am Fels.

Mit 40 die erste 11-

Ab dann nutzte er jede freie Minute, um raus zu fahren und sich alles übers Klettern selbst beizubringen. Dann kam eins zum anderen. Seitdem war er vom Klettern wie besessen.
In der Pfalz kletterte er viele der damals schwersten Touren im Bereich 10-/10. Es folgten schwere Erstbegehungen bis 10+. Mit 30 zieht Dicki nach Franken und klettert mit 40 seine erste 11-.
„Damals hieß trainieren noch einfach sechs oder acht Stunden am Tag in seinen Projekten hängen und klettern, klettern, klettern. Schlüsselstellen probieren, Sequenzen probieren. Damals ging es mehr um Taktikfragen und nicht um das spezielle Trainieren am Campusboard, das entwickelte sich ja gerade erst.“

Burn For You (der Name einer berühmten 11- im Frankenjura) war der Zeitgeist: Dicki hatte immer ein, zwei Projekte, für die er richtig gebrannt hat. Teils ist er nachts aufgewacht, weil er eine neue Idee hatte, wie man einen Zug anders machen könnte.

IMG_5605

Wenn man ihm gut zuhört, wie er über damals spricht, dann kann man schon viel von dem erahnen, was heute seine Kletter- und Trainingsphilosophie ausmacht. Klar, Wolfgang Güllich war auch für ihn ein Vorbild. Viel unterwegs war er aber vor allem mit Milan Sykora.

„Der hat immer eine gesunde Einstellung gehabt, war nie zu fokussiert auf Klettern. Der hatte immer eine gewisse Lockerheit. Es gab immer Leute, die nach einem Klettertag noch mit zum Bier trinken in die Kneipe gegangen sind. Und es gab die Leute, die nach Hause gegangen sind, um weiter zu trainieren. Wir haben immer zur ersten Gruppe gehört.“

Heute liegt die Zeit des Projektierens hinter ihm. Inzwischen ist er seit 15 Jahren Trainer, seit elf Jahren arbeitet er mit Patrick Matros zusammen. Als beide den Frankenkader übernommen haben, war ihnen schnell klar, dass sie sich unter Training etwas ganz anderes vorstellen, als damals üblich war. Sie fingen früh damit an, gemeinsam innovative Trainingsmethoden zu entwickeln – und tun das bis heute.

Nicht den Kopf vom Körper trennen!

Dabei haben sie immer zu zweit gearbeitet. Immer im Dialog. Patrick aus der trainingswissenschaftlichen Perspektive, Dicki aus der pädagogischen, sportpsychologischen Perspektive. Sie betrachten den Sport und die Sportler aus unterschiedlichen Blickwinkeln und kommen oft zum gleichen Schluss. Sie waren wahrscheinlich auch mit die ersten, die erkannt haben, dass das individuelle Training das Sinnvollste ist. In diesen Bereichen haben sie Grundlagenarbeit geleistet. Weg von Trainingsgruppen, hin zum Athleten, zum Individuum, zum Mensch.

IMG_4181

Sie wollten die Athleten dazu befähigen, individuell für sich trainieren zu können, ohne immer einen Trainer sehen zu müssen. Um das zu lernen, nutzten sie gemeinsame Trainingssessions. Mit Guido Köstermeier entwickelten sie das erste Trainingsskript für das Wettkampfklettern und diskutierten diverse Trainingsmodelle. Dort zeigte sich schon, dass es in Zukunft darum gehen sollte, dass die Leute mehr auf sich selbst schauen und auf den eigenen Körper hören sollen.

„Nicht den Kopf vom Körper trennen! Der Körper ist keine Maschine, der zu tun hat, was der Kopf befiehlt! Wer so denkt, riskiert ganz schnell Verletzungen.“

Heute hat Dicki einen riesen Spaß daran, anderen zu helfen. Bei seiner Arbeit mit psychisch kranken Jugendlichen oder eben beim Sport. Seine heutige Rolle als Trainer spielt sich zu großen Teilen auch auf viel auf der Kommunikationsebene ab.

Es motiviert ihn zu sehen, wenn es für andere Leute vorwärts geht, wenn es anderen Leuten Spaß macht. Herauszufinden was das richtige ist für jeden Athleten, das ist seine Welt.
Es geht ihm immer auch darum, das Ganzheitliche zu sehen. Vor allem bei jungen Klettertalenten: Schule, Eltern, Freunde. Es geht darum, Zeitpunkte erkennen zu können, wann man Gas geben kann, und wann man auch mal locker lassen muss.

IMG_4383

Mit interessierten Athleten führt er immer erst ein langes Gespräch über zwei oder drei Stunden. Niemand bekommt von ihm einfach so einen Trainingsplan mit nach Hause. Es geht immer auch ums Zwischenmenschliche. Und um das, was sich im Kopf abspielt. Viele Athleten, die Dicki aufsuchen, suchen letztendlich oft einfach nur ein Stück Sicherheit. „Confidence“, wie er es nennt.

„Die wissen nicht mehr, wo hinten und vorne ist. Gerade die Profis wissen nicht mehr, wo sie stehen, was die beste Herangehensweise ist. Viele wollen einfach nur Mal darüber sprechen. Andere wiederum brauchen wirklich einfach nur mehr Fingerkraft und wieder anderen haben Schwierigkeiten mit bestimmten Bewegungsmustern. Diese Unterschiede sind das, was alles so spannend für mich macht.“

In seiner Jugendarbeit und in der Arbeit als Pädagoge nutzt er das Klettern auch therapeutisch. Da geht es ums Lernen von Vertrauen, Sicherheit zu geben, am Seil gehalten zu werden.
„Ich gehe mit Jugendlichen Klettern und lasse mich von denen sichern, ich vertraue ihnen, zeige mein Vertrauen – und das hat dann teilweise beeindruckende Auswirkungen. Vertrauen den Augen dieser jungen Leute zu sehen, das ist immer etwas ganz Besonderes. Dieses entgegengebrachte Vertrauen wurde auch noch nie enttäuscht, und das sind Leute, denen wurde nie vertraut, denen wurde nie etwas zugetraut.“

Klettern heißt Vertrauen und vertrauen Lernen

Mittlerweile kommen sehr viele Eltern und Betreuer zu ihm und Patrick ins Café Kraft und wollen beide auf junge Talente aufmerksam machen. Aber Talent haben viele, Talent ist nicht entscheidend, sagt Dicki. Die Umsetzung ist entscheidend. Das Talent in sich zu fördern und das zuzulassen. Weder Dicki noch Patrick sind dafür zu haben, irgendetwas zu forcieren.

Alles muss von den Athleten selbst kommen. Niemanden sollte zum Klettern gedrängt werden. Und in eine professionelle Kletterkarriere sollte erst recht niemand gedrängt werden. Schule und Ausbildung sollte immer die oberste Priorität haben, darauf legen beide wert. Alles andere lässt sich mit Effizienz im Alltag regeln.

IMG_4300
Ludwig „Dicki“ Korb in seinen heiligen Hallen im Café Kraft Nürnberg.

„Es macht ja auch gar keinen Sinn, alles hin zu schmeißen, um Kletterprofi zu werden. Das ist völlig unsinnig. Kletterprofi zu sein macht nicht immer Spaß. Das ist ein Job, den zu erfüllen hast. Für viele Profis bedeutet das, nicht mehr in die Halle zu gehen, weil man will, sondern weil man sich den Druck macht und denkt, trainieren gehen zu müssen.“

In den Gesprächen mit den Athleten fragt er immer wieder: „Wenn ich Dir das Klettern nehme, was ist denn dann noch von Dir da?“ Viele haben darauf keine Antwort. Trotzdem will heutzutage jeder auf diesen Zug aufspringen, sagt Dicki. Die Leute würden nur das tolle Leben in den Medien sehen: Jeder reist um die Welt, alle sind glücklich. Viele würden denken, die Profis gingen raus und klettern jeden Tag 9a.

„So wird es in den Medien transportiert, aber das ist nicht die Realität. Da steckt ganz viel Training und Schweiß dahinter, um da hin zu kommen. Das dauert lang. Wochen, Monate, Jahre, manchmal wird das ganze Leben darauf ausgerichtet, um das schaffen zu können. Das Bild, was einem vom Leben als Kletterprofi vermittelt wird, ist einfach falsch. Das ist Vermarktung.“

IMG_4328

IMG_4391

Die schönste Nebensache der Welt

Die Realität sind ganze Trainingstage in ganz normalen kommerziellen Kletterhallen. Die Realität ist auch eine gewisse Angst davor, nie genug zu trainieren. Die Realität ist Leistungsdruck. Dieser Teil der Realität macht dem Pädagogen in ihm zu schaffen. Es wurmt ihn. Denn eigentlich geht es ihm ums Glücklichsein. Für Dicki ist Klettern die schönste Nebensache der Welt. Ein Weg zum Glück, sozusagen, aber nie der einzige.

So kommt es immer wieder vor, dass er Leute wieder nach Hause schickt und dazu rät, mit dem Klettern aufzuhören oder zumindest eine längere Pause einzulegen. In solchen Moment sieht er sich jungen Menschen gegenüber, die mit sich hadern, weil sie „nur“ 8b+ anstatt 8c bouldern.

„Ich möchte einfach nicht, dass Leute so mit diesem Sport umgehen. Klettern ist es nicht wert, an dem Sport zu zerbrechen. Das Entscheidende ist, das Leute glücklich werden. Alles andere ist schade für den Sport.“

Klar, er und Patrick profitieren auch von dem Hype. Die Videos über ihre Arbeit mit den Profis im Café Kraft waren zum Teil auch der Auslöser für alles, was jetzt mit „Gimme Kraft“ passiert. Das heute Athleten aus der ganzen Welt zu ihnen kommen, um sich Tipps abzuholen, war vor ein paar Jahren noch undenkbar.

IMG_4258
Dicki vor den Stapeln der neuesten „Gimme Kraft“-Ausgabe.

Trainingsinhalte und Trainingsphilosophien haben sich komplett verändert, auch durch ihre Arbeit. Auch der Sport verändert sich, nicht zuletzt durch Olympia. Als Klettern olympisch wurde, wurde es auch Schulsport in China. Daraufhin bekam er Besuch einer chinesischen Delegation, die beinahe mit Tränen in den Augen von ihm und Patrick wissen wollten, was sie machen sollen.

„Das ist schon eine interessante Entwicklung und ich bin gespannt, wo wir uns da positionieren werden mit unserer individuellen Trainingsphilosophie. Da wird man sicherlich viel machen können und neue Möglichkeiten entdecken, um die einzelnen Athleten gesund trainieren zu können.“

Die Entscheidung über das Olympiaformat sieht Dicki dabei durchaus kritisch. Das wäre eine Marketing-Entscheidung gewesen, die völlig am Sport vorbei geht, sagt er. In solchen Momenten merkt man, wie sehr ihn das bewegt, was mit dem Sport, den er so liebt, gerade passiert.

Routesetter außer Kontrolle

Das Wettkampfklettern und -bouldern wird immer riskanter, die Bewegungen immer gefährlicher. „Die Routesetter heutzutage sind für mich völlig außer Kontrolle“, sagt Dicki etwas überspitzt. Die Boulder würden immer akrobatischer und würden sich damit von eigentlichen Kletterbewegungen immer weiter entfernen.

Eigentlich, sagt er, kommt das Klettern doch von einem Kriechmuster aus der Kindheit: Kriechen am Boden in die Vertikale übertragen. Mehr ist es eigentlich gar nicht.

„Es geht um Körperspannung und ums Durchziehen. Deswegen sieht man auch die Leute, die draußen stark klettern wollen, immer mehr an der 45er. Schlechte Griffe, schlechte Tritte. Darum geht’s draußen. Es geht um die Bereitschaft, sich zu quälen. Schweiß ist Schwäche, die den Körper verlässt. Wenn man das akzeptiert, gibt es keine großen Geheimnisse mehr.“

In Sachen individuelles Training hat Dicki selbst noch ein ganz anderes, im besten Sinne altmodisches Ziel: Zum 300. Mal „Simon“ (10-) am Student im Frankenjura klettern. Angeblich ist ihm keine der bislang 289 Begehungen leicht gefallen.

„Bissl anstregen musst‘ ich mich immer und im Moment komm‘ ich kaum hoch, da muss ich Mal wieder was für tun.“ Ludwig „Dicki“ Korb in a nutshell.

Scarpa-Stories-Liste

Das Klettern und Bergsteigen eröffnet uns neue Perspektiven. Dabei geht es nicht immer nur um Höchstleistungen, sondern auch um eine Art zu Leben.

Unser Scarpa Team besteht aus einer Menge erfahrener und junger Weltklasse-Athleten, die viel zu erzählen haben. Durch die Scarpa Stories nehmen wir uns Zeit, in Ruhe zuzuhören.

Story #1: Jochen Perschmann
Story #2: Moni Retschy
Story #3: Sebastian Halenke
Story #4: Dicki Korb
Story #5: David und Ruben Firnenburg
Story #6: Toni Lautenbacher
Story #7: Michi Wärthl
Story #8: Dirk Uhlig

 

zurück