PERU – Finn Koch & Benedikt Saller

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23. Februar 2018

Up’s and down’s am Taulliraju

Es sind letztendlich die immer gleichen Fragen, die sich im Halbschlaf und Unterbewusstsein hin und her drehen. Wie wird es laufen mit der Höhe? Wie werden die Verhältnisse sein und sind wir fit genug?
Aus die Träumerei, rein in die Realität. Peru, Taulliraju Westsattel, 5500m, 2:30 Uhr. Der Wecker reisst uns aus dem Bett. Wohl eher aus dem engen, stickigen Schlafsack, den wir uns teilen. Die moderne Taktik „fast and light“ lässt grüßen.
Dass wir während unseres sechswöchigen Aufenthaltes in Peru hier landen, war so nicht geplant. Die vergangene Woche hatten wir damit verbracht, einen Erstbegehungsversuch durch die Südwand vorzubereiten.
Das bedeutete viele Kilogramm an Ausrüstung, Essen und sonstigem Material step by step vom Basislager in Richtung erstes Lager in der Wand zu schaffen. Malochen wie im Job daheim. Nach ca. einem Drittel der Wand kamen wir ins Stocken. Aufgrund von Eisschlag aus dem oberen Wandbereich, der auch nachts nicht nachließ, trafen wir nach langem Ringen die, für uns nicht einfache Entscheidung, unseren Versuch abzubrechen. Aus der Traum, die Enttäuschung war groß! Zu früh kapituliert oder weise Entscheidung, diese Frage lies uns zunächst nicht los. Als wir zwei Tage später eine gewaltige Eislawine über unsere anvisierte Linie beobachten konnten, gab es keine Diskussionen mehr – weise Entscheidung!

 

Zurück im Basislager entstand die Idee, das Taulirajumassiv von West nach Ost zu überschreiten. Der Westgrat des Tauliraju wurde erst 2016 von einem neuseeländischen Team in fünf Tagen erstbegangen. Sie bewerteten den Grat mit M4, AI5, 1000m. Allein die erste Wiederholung dieser Tour wäre ein Highlight, doch wir wollen noch weiter…

 

So sind wir nun hier im West-Sattel. Minimales Material steht größtmöglicher Motivation gegenüber.„Jung, dynamisch und erfolglos“ soll dieses Mal für uns nicht gelten. Das Ziel, den Gipfel des Taulliraju (5830m) über den Westgrat zu besteigen, um dann weiter über den Mittelgipfel bis zum Ostgipfel zu klettern, rückt in den Vordergrund. Alles andere gnadenlos in den Hintergrund.

Der Anfang des Grates weist noch keine allzu hohen Schwierigkeiten auf. Nach ca. einer Stunde kommen wir zur ersten steileren und überwechteten Stelle. Wir seilen an. Kurz nach diesem ersten Gratturm machen wir nordseitig zwei Abseiler und queren in der Flanke. Bis jetzt läuft alles wie am Schnürchen. Beziehungsweise in unserem Fall am Seil. Die Verhältnisse scheinen ebenfalls gut zu sein. Pünktlich zum Sonnenaufgang fängt der Grat an, unübersichtlich zu werden. Wir klettern teilweise direkt auf dem Grat, aber oft auch links und rechts in den Flanken. Es überwiegt steile Eiskletterrei, gewürzt mit Fels- und Mixedpassagen. Bereits um die Mittagszeit erreichen wir den zweiten Biwakplatz der Neuseeländer. Wir wissen, dass es es möglich ist, heute Abend noch auf dem ersten Gipfel zu stehen. Doch wir wissen auch, dass wir Gas geben müssen. Viel Gas! Je näher wir Richtung Gipfel kommen, desto höher und steiler werden die Eispilze. Im Gegenzug werden unsere Beine immer schwerer, die Luft dünner und die Scherze immer weniger. Um 17:30 Uhr, nach endlos erscheinender Kletterei, erreichen wir den Gipfel des Taulliraju. Gipfel, Summit, Cumbre was auch immer – wir sind happy!
Noch kurz das letzte Tageslicht und das Panorama der Cordillera Blanca genießen, bevor wir mit dem Einsetzten der Dämmerung das Abseilen in die Ostflanke beginnen. Es ist halb neun, als wir den Sattel zwischen Taulliraju Hauptgipfel und seinem östlich gelegenem Nachbargipfel erreichen und uns entscheiden, hier zu schlafen.

 

Am nächsten Tag starten wir um 6:00 Uhr. Gemeinsam mit der Sonne erreichen wir den Mittelgipfel. Um auf den Grat in Richtung Taulliraju Sur zu kommen, queren wir einige Meter in der Südflanke des Mittelgipfels. Das Gelände hier ist bei Weitem nicht mehr so anspruchsvoll wie tags zuvor. Seilfrei kommen wir zügig voran und nach einigen Steilaufschwüngen stehen wir um 7:30 Uhr auf dem Gipfel des Taulliraju Sur! Teils in abseilender, teils in abklettender Weise machen wir uns an den letzten Abstieg der Überschreitung. Mit dem Betreten des häufig begangen Santa Cruz Trek fällt die Anspannung und Ungewissheit der letzten Tage ab. Über den ausgetreten Pfad erreichen wir gegen Mittag wieder unser Basislager.
Nach drei Tagen, zwei Nächten und einer geilen Teamleistung am Berg, blicken wir zufrieden auf die erste Komplettüberschreitung des Taulliraju Massivs (AI5, M4, A2, 3000m) zurück. „Jung dynamisch und erfolgreich“! Jeah!!
Während unserer Zeit in der Cordillera Blanca konnten wir neben dem Taulliraju auch den Alpamayo, Quitaraju, Artensonraju und die La Esfinges besteigen.

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