Scarpa Stories – Ulli Steiner

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25. Mai 2018

Warum der Eiger vielleicht noch warten muss.

Die Szene wirkt wie aus einer dramatischen Arztserie im Fernsehen. Sie könnte „Die Luftretter“ heißen.

Doktor Ulrich – Ulli – Steiner ist auf dem Weg zum Helikopter, auf dem Weg zum Einsatz. Ulli ist Notfallmediziner in der Flugrettung, arbeitet zudem als Arzt in einer Münchener Anästhesiegemeinschaft und er ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer und Mitinhaber der Bergschule steile:welt. Bei alpinen Einsätzen „in Scheißgelände“ ist die Kombination ein entscheidender Vorteil: „Auf mich muss man da oben nicht aufpassen“, erklärt Ulli.

Seit der Kindheit dreht sich sein Leben um die Berge. Wie so häufig hat den Grundstein der Vater gelegt, der den Sohn von klein auf mit in die Berge genommen hat, zu Hüttentouren, zu Skitouren, auf Klettersteige. Mit acht Jahren auf großer Tour mit dem Vater hat er das erste Mal von einem Berufsleben als Bergführer geträumt. Später ist dann das Klettern dazu gekommen. Reinhold Messner oder Wolfgang Güllich nachzueifern war das höchste Ziel als „kleiner Bub“. Der Weg dorthin führt ihn über Jugend- und Fachübungsleiterstationen beim DAV, für dessen Expeditionskader er bis heute als Expeditionsarzt tätig ist.

Als „freiheitsliebender Mensch“, wie er sagt, ist Ulli einfach gern in den Bergen.

Sein berufliches Leben hat er konsequent um die Berge aufgebaut. Neben der Facharztausbildung Anästhesie hat er die Ausbildung zum Bergführer gemacht. Eine höchst anspruchsvolle Kombination, über die er heute lapidar sagt, „das war a bissle harte Nummer aber hat zum Glück geklappt“. Mit 35 ist Ulli dann Facharzt und Bergführer. Die Bergführerei ist ein spät verwirklichter Jugendtraum, dem zu folgen ihn auch Freunde motiviert haben. Vor den Bergführer-Prüfungen hat er mehr Respekt gehabt als vor denen im Medizinstudium. Auch im Nachhinein empfindet er sie als fordernder, intensiver, in den 12 bis 14 Stunden am Berg mit dem Prüfer spüre man den Druck viel unmittelbarer.

„Da wollt ich auch ums Verrecken nicht Durchfallen“. Den Ehrgeiz von damals merkt man Ulli noch heute an.

„Notarzt in der Stadt würde mich jetzt nicht interessieren“, lacht Ulli. Die Kombination aus Arzt und Bergführer hingegen ist extrem reizvoll für ihn und motiviert ihn in beiden Berufsfeldern. Die Fähigkeit eines Arztes, in für die Patienten lebensbedrohlichen Situationen ruhig zu bleiben, die Symptome richtig zu verstehen und zu bewerten und so in kürzester Zeit die richtigen Entscheidungen zu treffen, hilft ihm auch am Berg weiter.

„Tief durchschnaufen, mir einen Überblick verschaffen und dann suche ich mir einen Lösungsansatz.“

Entscheidungen am Berg sind für Ulli Verstandsentscheidungen, die er versucht auf objektive Kriterien zu reduzieren.

Neben den Gemeinsamkeiten in Extremsituationen ist der Wechsel in die andere Disziplin auch eine enorme Kraftquelle, den anstrengenden Arbeitsalltag zu verdauen:

„In der Klinik fragen sie sich schon, warum ich immer so braun gebrannt bin und mit einem Lächeln durch die Gänge lauf und gut drauf bin. Und das kann ich leisten, weil ich genau weiß, drei-vier Tage später bin ich wieder im Gebirge. Und wenn ich im Gebirge dann um zwei in der Früh‘ aufstehen muss, für eine Frühjahrsskitour, dann denke ich: ‚Hallelujah, es wär schön im Bett liegen zu bleiben‘ – und dann überlege ich kurz, ‚wie wär’s jetzt in der Klinik im Nachdienst?‘ und sage mir‚ super, ich bin der glücklichste Mensch der Welt, dass ich jetzt hier sein kann.‘ Und so hab ich das im munteren Wechsel.“

Eine sehr schöne Arbeit, die aber auch viel Zeit kostet. Eigene alpine Ziele und auch die Art der Begehungen verändern sich dadurch: Effizienter, fokussierter, zielstrebiger, mit mehr Vorbereitung und 100%-Einsatz direkt beim ersten Versuch.

„Es gibt mir einfach eine große Befriedigung, wenn ich meine Ziele erreiche. Das macht mir eine große Freude. Und ich kann dann in Kauf nehmen, dass ich dafür hart arbeiten muss“.

Umgekehrt: zu scheitern, selbst gesteckte Ziele nicht zu erreichen, das fuchst Ulli. Gefragt, wie er damit umgeht, überlegt er lange: „Das mag ich nicht gern. Dann reiß‘ ich blöde Witze.“ In der Regel, so sagt er mit einiger Dankbarkeit, erreicht er, was er sich vornimmt.

Zu manchen Dingen gehört neben aller Zielstrebigkeit jedoch immer eine Portion Glück, sagt Ulli. Das Glück in die richtige Familie geboren zu werden, die ihn immer unterstützt und ihm die Voraussetzungen mit auf den Weg gegeben hat. Das Glück Peter Albert kennenzulernen, seinen heutigen Partner bei steile : welt und seinen Mentor in der Bergführerausbildung, das Glück sich nicht blöd zu verletzen oder zur falschen Zeit am falschen Ort zu stehen.

Überhaupt die Familie. Seine Frau Iris und die beiden Töchter Klara und Luzia, sind der „sichere Hafen“, die „Grundfesten“. „Wenn das nicht funktioniert, dann ist alles andere nichts wert“, sagt Ulli. Seine Frau ist auch praktische Ärztin mit einem mehr als vollen Tagesablauf. Ullis Beruf(e) mit ihren langen Abwesenheitszeiten können das familiäre Zeitmanagement durchaus fordern und wie Ulli zugibt, „manchmal kommt es dann auch zu Konflikten.“ Umgekehrt genießt er die Freiheit, seine Töchter einfach aus dem Kindergarten zu nehmen und mit ihnen Ski zu fahren. Eine Freiheit, die Väter mit 9-to-5-Jobs nicht haben.

Trotzdem bedeutet der Vorrang für die Familie, sich und seine Bedürfnisse zurückzunehmen, auch wenn wie Ulli sagt, alle Bergsteiger ein bisschen narzisstisch veranlagt sind. Soviel wie er gerade unterwegs ist, möchte er sich keine Zusatzzeiten für große „egoistische“ Projekte herausnehmen. Auch wenn die klassische Heckmair-Route durch die Eiger-Nordwand ihn schon reizen würde. Natürlich mit der richtigen und systematischen Vorbereitung.

Die Begeisterung für die Berge kann und muss er während seiner Tätigkeit als Berg- und Skiführer ausleben. Auf Reisen nach Zentralasien oder Skandinavien oder im nächsten Jahr mit Boot und Ski nach Spitzbergen. „Das erste Mal einen Eisbären in natura zu sehen“, darauf freut sich Ulli. Überhaupt „soviel wie möglich von der Welt zu sehen“ antwortet er auf die Frage nach seinen persönlichen Wünschen – allerdings erst nach der Familie: „Gesund bleiben. Mit meiner Frau gemeinsam alt werden und dass die Kinder gesund sind und einen für sich guten Weg gehen können, wo sie glücklich werden.“

Vielleicht muss der Eiger also noch ein bisschen warten. Und Ulli Steiner wird das nicht einmal so viel ausmachen.

Unser Scarpa-Team besteht aus einer Menge erfahrener und junger Weltklasse-Athleten, die viel zu erzählen haben. Mit den Scarpa-Stories nehmen wir uns Zeit, in Ruhe zuzuhören.

Story #1: Jochen Perschmann
Story #2: Moni Retschy
Story #3: Sebastian Halenke
Story #4: Dicki Korb
Story #5: David und Ruben Firnenburg
Story #6: Toni Lautenbacher
Story #7: Michi Wärthl
Story #8: Dirk Uhlig
Story #9: Jan Mersch

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