Scarpa Stories – Sarah Kampf

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14. September 2018

„Reicht mir“ würde ich nie sagen!

Kurz nach dem beruflichen Saisonhöhepunkt mit der „Outdoor“-Messe in Friedrichshafen folgt der sportliche. Heimlich, still und leise punktet Sarah Kampf „Battle Cat“ (8c/+) im Frankenjura, ihre bis dahin schwerste Tour. 2009 gelang Sarah mit „Steinbock“ als erster Frau weltweit eine Begehung im Grad 8c im Frankenjura. Zwischen Battle Cat und Steinbock liegen nicht nur eine Reihe weiterer 8c-Begehungen, sondern Heirat, die Geburt ihrer beiden Kinder und ein Beruf als PR- Managerin beim kalifornischen Outdoorspezialisten Marmot. Wir haben mit der Fränkin aus dem Allgäu über die Liebe zum Fels, das Klettern mit Kindern und das Älterwerden im Leistungssport gesprochen.


Battle Cat war ein großer sportlicher Erfolg für die zweifache Mutter. Foto: Lars Decker

 

Scarpa Stories:
Sarah, die obligatorische Eingangsfrage. Wie bist Du überhaupt zum Klettern gekommen?

Sarah Kampf:
Als Kleinkind habe ich vier Jahre in Katalonien gelebt. Als ich sechs war, haben mich Freunde meiner Eltern in einen kleinen Klettergarten mitgenommen. Ich fand das toll, aber erstmal blieb das eine einmalige Sache. Mit acht sind wir dann ins Allgäu gezogen. Auf dem Gymnasium hatte ich eine Freundin, deren Vater Bergführer war. Die haben mich nach Südfrankreich mitgenommen, da war ich 14. Danach habe ich dann bei der DAV-Jugendgruppe mitgemacht. Mich hat beim Felsklettern begeistert, dass man draußen ist, an einer echten Wand. Bis dahin hatte ich immer Outdoorsport gemacht, z. B. lange Zeit sehr intensiv Ski-Langlauf. Outdoor und Sport gehörten für mich schon immer zusammen. Klettern erfüllt das ideal und hat mich von Anfang an mehr begeistert als alles andere!


Ein Blick zurück ins Familienalbum. Foto: Arne Bischoff

 

Scarpa Stories:
Du warst erfolgreiche Wettkampfkletterin, u. a. deutsche Vizemeisterin in Speed und Lead, hast aber trotz der Erfolge nach „nur“ vier Jahren wieder damit aufgehört. Wie wichtig ist der Wettbewerb für Dich?

Sarah Kampf:
Für mich stand immer das Felsklettern im Vordergrund. Eigentlich war mir von Anfang an klar, dass ich Klettern nicht als Wettkampfsport betreiben wollte. Ich bin dann trotzdem über Freunde dazu gekommen. Wettkämpfe fand‘ ich vor allem vom sozialen Aspekt her spannend, weil man dort so viele Menschen auf einmal in einer Wettbewerbssituation trifft, mit denen man auch draußen klettert. Allerdings hat mich Wettkampfklettern eher gestresst. Ich war wahnsinnig nervös und bin sogar mit steigender Form noch nervöser geworden. Meine besten Ergebnisse hatte ich, als ich von der Form her am schlechtesten war. Weil ich da am wenigsten Erwartungen an mich hatte. Mittlerweile habe ich einen guten Weg gefunden, einen positiven Ehrgeiz zu haben, aber die Dinge nicht zu verbissen zu sehen. Ich glaube schon, dass ich nach wie vor ein leistungsorientierter Mensch bin, das kriege ich auch immer wieder mal zu hören (lacht). Ich brauche aber keinen Vergleich mit anderen für diese Leistung. Für mich ist Klettern ohnehin viel mehr als Wettkampf: Reisen, draußen sein, die Natur erleben. Das Draußensein ist für mich das Wichtigste am Klettern. Wenn ich jetzt in einer Gegend leben würde, wo es keine Felsen gibt, sondern nur Hallen, könnt’s gut sein, dass ich mit dem Klettern schon längst aufgehört hätte.


Sarah zog es von Anfang an zum Fels: „Smith & Wesson“ (8b+) | Foto: Manuel Brunn

 

Scarpa Stories:
Gab es jemals in Deinem Leben eine Entscheidung gegen das Klettern?

Sarah Kampf:
Nein! Pausen habe ich nur am Ende beider Schwangerschaften und direkt nach der Geburt meiner Kinder gemacht – und einmal eine vierwöchige Verletzungspause. Ich habe eher mein berufliches und ein Stück weit sogar mein familiäres Leben auf das Klettern hin ausgerichtet.


Ein Kleinkind ist kein Grund zur Kletterpause. Foto: Archiv Sarah Kampf

 

Scarpa Stories:
Du hast Politikwissenschaften studiert, arbeitest jetzt aber im Marketing bei Marmot. Hatte das mit dem Klettern zu tun?

Sarah Kampf:
Ich habe Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Europapolitik studiert und zunächst auch in diesem Bereich gearbeitet. Das hat mir viel Spaß gemacht und interessiert mich bis heute. Diesen Weg weiter zu gehen, hätte aber möglicherweise bedeutet, nach Berlin oder Brüssel zu ziehen. Dagegen habe ich mich ganz bewusst entschieden, um das Klettern nicht aufgeben zu müssen. Damals hat sich die Möglichkeit ergeben, bei Marmot anzufangen. Die deutsche Marmot-Zentrale liegt unweit der Fränkischen und hier ist es super. Es gibt vielleicht kein Gebiet, wo man Arbeit, Familie und Felsklettern besser miteinander verbinden kann.

Scarpa Stories:
Bevor wir über Battle Cat sprechen, noch eine Frage an die Politikwissenschaftlerin: Wie politisch ist das Klettern?

Sarah Kampf:
Ich denke, die Wenigsten betreiben Klettern als Ausdruck einer politischen Meinung oder benutzen das Klettern, um politisch aktiv zu sein. Generell nehme ich viele Kletterer aber als interessierte, offene Menschen wahr, was sich allein durch das Reisen ausdrückt. Zu einem politischen Austausch kommt es dann manchmal in großen, internationalen Spots, wo viele Nationalitäten aufeinandertreffen und man auch mal über Politik spricht. Diversity ist zum Beispiel gerade ein Thema: Warum ist Klettern so weiß? Warum ist der Outdoorsport generell so weiß? Ich denke, dass die Kletterszene sozial auf einem guten Weg ist. Es gibt viel Austausch und gegenseitige Unterstützung. Neid und Egoismus gehen meiner Wahrnehmung nach gegenüber früher zurück.

 

Mehr Battle-Cat-Action. Fotos: Lars Decker

Scarpa Stories:
Welche Bedeutung hat Battle Cat für Dich? Du hast ja sowohl vor als auch nach der Geburt Deiner Kinder schon 8c geklettert.

Sarah Kampf:
Ich war mir nicht sicher, ob ich nach den Geburten meiner Kinder an mein früheres Leistungsniveau anknüpfen kann. Ich hatte mir keinen Druck gemacht. Es musste nicht sein. Mit der Entscheidung, Kinder zu bekommen, habe ich auch sehr bewusst akzeptiert, dass es sein kann, dass ich nicht mehr so schwer klettern kann. Ich habe mir dann viel Zeit gelassen mit Projekten, selbst als ich gemerkt habe, dass ich körperlich die Schwangerschaften sehr gut wegstecken konnte. Nach unseren Elternzeitreisen hatte ich dann wieder ein Projekt in der Fränkischen und es hat mir wahnsinnig Spaß gemacht, mich da reinzubeißen. Dieses Gefühl, beim Einschlafen über die Tour nachzudenken. Das war cool und hat mich gefreut.
Obwohl ich ein sehr leistungsorientierter Mensch bin, ist es mir während und nach der Schwangerschaft gelungen, das Klettern und das Draußensein unabhängig von Zahlen zu genießen. Dennoch hat mich gerade Battle Cat sehr stolz gemacht, da ich beim Projektieren auch mit Rückschlägen und Zweifeln zu kämpfen hatte und es trotzdem geklappt hat, mich positiv zu motivieren – sicher auch ein Verdienst meiner Kletterpartner, die dieses Projekt von Anfang an begleitet haben. Mit Kindern und Beruf verändert sich das Klettern einfach. Man hat weniger Zeit, muss sich organisieren, den Kletterrhythmus an die Kinder anpassen, aber ich finde es nicht schlechter. Man wird enorm effizient (lacht).

 

Die Liebe zum Klettern prägt auch Sarahs Wohnumfeld. Fotos: Arne Bischoff

Scarpa Stories:
Hand aufs Herz! Ist da noch Luft nach oben?

Sarah Kampf:
Reicht mir‘ würde ich nie sagen! Klar hätte ich schon wieder Bock. Bock auf den ganzen Prozess des Projektierens einer Tour an meinem Limit. Motiviert bin ich eigentlich immer. Ich habe es nur über die Jahre ganz gut geschafft, die Motivation nicht verbissen werden zu lassen. Falls es aufgrund äußerer Umstände nicht geht, habe ich gelernt, das gut hinnehmen zu können.

Scarpa Stories:
Du hast mit Deinem Mann Philipp drei lange Elternzeitreisen gemacht, jeweils nach den Geburten Eurer Kinder. Ihr habt Euch eigens einen Camper angeschafft. Was war das schöne, besondere daran? Welche Rolle spielte das Klettern?

Sarah Kampf:
Wir haben den Reiseverlauf ganz bewusst um Kletter- und Outdoorspots gelegt und sind im Prinzip durch ganz Europa gefahren. Die Reisen haben uns sehr viel gegeben. Viel Zeit miteinander. Wir haben viel Neues kennengelernt, viele Länder, die wir noch nicht kannten, viele schöne Landschaften. Leben auf engem Raum mit der gesamten Familie ist etwas ganz Besonderes und Einmaliges. Das stand im Vordergrund.

 

Ihre Reisen haben Sarah und Philipp durch Europa geführt. Fotos: Archiv Sarah Kampf

Scarpa Stories:
Bei Euch dreht sich ohnehin privat ganz viel ums Klettern. Wie schafft Ihr das?

Sarah Kampf:
Mein Mann hält mir ganz klar den Rücken frei. Ich habe dadurch die Freiräume, die mir erlauben, das Klettern auch auf dem Niveau weiterzuführen. Ich würde das schon als Luxussituation für mich bezeichnen. Philipp ist selbst jemand, der viele verschiedene sportliche Leidenschaften hat und ich versuche natürlich auch, es ihm zu ermöglichen, seinen Sport zu machen. Wir können uns da gut absprechen. Das Klettern würde bestimmt nicht so funktionieren, wenn er das nicht mittragen würde – indem wir gemeinsam als Familie klettern gehen oder indem er es mir ermöglicht, auch mal mit Freunden zu klettern.


Klettern und Familie gehen bei Sarah und Philipp Hand in Hand. Foto: Arne Bischoff

 

Scarpa Stories:
Blick nach vorn und Blick zurück. Bist Du stolz, dass Du mit 37 das Niveau der Jüngeren noch halten kannst? Hast Du Angst, dieses Niveau zu verlieren? Und was bringt die Zukunft dem Sport?

Sarah Kampf:
Nein, die Angst habe ich nicht. Das ist ähnlich wie bei der Entscheidung für die Kinder. Ich habe so viele meiner persönlichen Ziele im Klettern erreicht, dass ich da mit mir ganz im Reinen bin. Klar freue ich mich, dass ich noch auf einem relativ hohen Niveau klettere. Aber ich mache mir da keine Illusionen. Die Jungen sind vielleicht auf dem Papier, was die reinen Grade angeht, noch nicht so viel besser, aber das Potential und das Leistungsvermögen ist enorm. Ich sehe viele junge Mädels, die super fit und motiviert sind und bei denen ich es auch cool finde zu beobachten, was die machen und schaffen. Im Wettkampfklettern und in der Halle hätte ich keine Chance mehr. Die starken jungen Mädels trainieren ganz anders. Ich bin immer raus gegangen und wenn ich mal keine Zeit hatte, habe ich zuhause am Board trainiert. Heute ist es genau andersherum. Am Fels hat man als alte Häsin aber immer noch einen Erfahrungsbonus: Wie gehe ich an Projekte ran, wie kontrolliere ich Nervosität? Das ist ähnlich wie beim Alpinismus. Hier gibt es also sogar einen Altersbonus.


Das Training muss zum Leben passen, auch beim Kaffee mahlen. Foto: Arne Bischoff

 

Scarpa Stories:
Wünschst du dir etwas für die Kletterszene?

Sarah Kampf:
Als jemand, der viel draußen unterwegs ist, wünsche ich mir, dass in so einer wachsenden Szene das Umweltbewusstsein eine große Rolle spielt, dass wir achtsam mit der Natur und den Spots umgehen.

Scarpa Stories:
Und für Dich selbst?

Sarah Kampf:
Für mich wünsche ich mir, auch in Zukunft einen Weg zwischen Klettern, Arbeit und Familie zu finden, so dass es allen Beteiligten dabei gut geht.


Sarah in „Made in Norway“ (7b). Foto: Manuel Brunn

 

Unser Scarpa-Team besteht aus einer Menge erfahrener und junger Weltklasse-Athleten, die viel zu erzählen haben. Mit den Scarpa-Stories nehmen wir uns Zeit, in Ruhe zuzuhören.

Story #01: Jochen Perschmann
Story #02: Moni Retschy
Story #03: Sebastian Halenke
Story #04: Dicki Korb
Story #05: David und Ruben Firnenburg
Story #06: Toni Lautenbacher
Story #07: Michi Wärthl
Story #08: Dirk Uhlig
Story #09: Jan Mersch
Story #10: Ulli Steiner
Story #11: Sebastian Brutscher
Story #12: Johanna Holfeld

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