Scarpa Stories – Patrick Matros

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2. November 2018

Der Beethoven aus der Kletterhalle

Pep Guardiola, Boris Becker, Steve Kerr, … Trainer-Stars sind ein Phänomen in vielen Sportarten. Meistens ehemalige Spitzenathleten, die Ihrer Karriere als Sportler eine zweite Karriere als Trainer folgen lassen. Und im Klettersport?

Wir treffen Patrick Matros im legendären Café Kraft in Nürnberg. Neben einer wirklich guten Kaffeebar, der eigentlichen Boulderhalle und einem großen Trainingsbereich im Obergeschoss gibt es einen kleinen Raum, der dem professionellen Training vorbehalten bleibt, in dem Patrick an einer kleinen Wand neue Tritt- und Griffkombinationen ausprobieren kann und in dem es sogar ein sensorgestütztes Griffbrett gibt.

Impressionen aus dem Café Kraft – nicht ohne Kettlebell | Bilder: Third Pole, Arne Bischoff

Alles paletti also und das Klettern holt auf? Mitnichten. „Der Klettersport steht in Sachen systematischem Trainings immer noch am Anfang“, auch wenn sich in den letzten Jahren viel getan hat, verrät uns Patrick. Als KraftFactory bildet er zusammen mit Dicki Korb das bekannteste Trainerteam im deutschen Klettersport. Aus ihrer Feder stammt auch „Gimme Kraft“, der Popstar unter den Kletterlehrbüchern, der sich zum weltweiten Bestseller entwickelt hat. Anders als die Guardiolas oder Beckers ist Patrick aber kein Weltstar, der ständig Autogramme schreibt und seinen Lebensunterhalt als Trainer verdient. Fragen nach Methodik und Systematik haben Patrick immer schon in seinem Sport begleitet und mündeten konsequenterweise in einem Studium der Sportwissenschaft und der Pädagogik bzw. Psychologie. Aus dem anfänglichen Interesse ist eine jahrzehntelange Beschäftigung geworden. Im Hauptberuf arbeitet der diplomierte Sportwissenschaftler und ausgebildete Lehrer in der staatlichen Lehrerausbildung. Er gibt Workshops und Fortbildungen und ist für den Deutschen Alpenverein und die bayerische Landesstelle für den Schulsport als Ausbilder in der Trainerfortbildung aktiv. Ein mehrfacher Trainerberuf sozusagen. Patrick trainiert die Sportler von heute und die Trainer von morgen. Seine Vermittlungskompetenz und sein Fachwissen profitieren von dem ständigen Wechsel zwischen den Ebenen, sagt er nicht ohne Stolz.

Patrick mit Chris Sharma und Alex Megos | Bild: Archiv Patrick Matros

Patrick ist akribisch, detailverliebt und mitreißend, wenn er über das Klettertraining spricht – und er weiß doch, dass es wichtigeres auf der Welt gibt als systematisches Training. Außerdem spricht er in lebendigen Bildern über seinen Gegenstand.

Arbeiten mit Profis und back to basic

Das größte für ihn als Trainer ist, aus Hochleistungssportlern noch, „das eine oder andere herauszukitzeln“. Die Zusammenarbeit der KraftFactory mit Alex Megos hat hohe Wellen geschlagen und ist sehr bekannt geworden. Einen Athleten wie Alex zu trainieren sei, so Patrick, beides: extrem bereichernd und extrem zeitaufwändig. Neben Alex trainiert Patrick v. a. andere Wettkampfkletterer und manchmal auch Hobbysportler, die systematisch mehr aus ihrem Training machen wollen. Weil Einzelcoaching sehr aufwändig ist, bieten Patrick und die KraftFactory in diesem Bereich vor allem Kurse und Gruppencoachings an.

Der Turner Patrick Matros | Bild: Archiv Patrick Matros

„Nach zehn bis fünfzehn Jahren Trainerkarriere merke ich bei mir aber immer mehr, wie es ‚back to basic‘ geht, also Training mit Kindern und Jugendlichen. Allein mit meiner Tochter klettern zu gehen und ihr etwas beizubringen, ist für mich unheimlich erfüllend und gibt mir unheimlich neue Einblicke in das Thema‚ ‚wie lernt man eigentlich klettern‘?“

Bevor wir darüber sprechen, erzählt Patrick von seinen klettersportlichen Anfängen. Er ist – nicht untypisch in seiner Generation – recht spät zum Klettern gekommen: in einem Abiturkurs. Damals in den frühen Neunzigern kam das Bouldertraining gerade im Felsklettern an. Nicht systematisch, wie Patrick sich erinnert, aber mit Begeisterung. In einem kleinen Gewölbekeller in Bayreuth hat das angefangen, mit Sandstein, alten Matratzen, brutal überhängend und immer feucht. Als langjährigem Turner sind ihm diese Bewegungen leichtgefallen, athletisch und dynamisch. Mehr noch als der sportliche Teil habe ihn während seines Abiturkurses das Abenteuer Felsklettern in den Bann gezogen, das „outdoor“-Erlebnis, Abseilen, Standplatzbau, die Natur. Die schwitzig-muffige Atmosphäre im Boulderkeller ist nur ein scheinbarer Gegensatz: „Klettern ist für mich ein ganzheitlicher Sport“, betont Patrick: Sportklettern, Trad, Bouldern, alpine Unternehmungen. Er sieht auch den olympischen Modus, der Bouldern, Speed und Lead zu einer neuen Disziplin zusammenfasst, positiv:

„Viele der besten Kletterer der Welt sind starke Allrounder“.

Auf der Suche nach der „ursprünglichen Energie“

Zum Beispiel das Bier danach. Viele Kletterer lieben es. Gemessen am Trainingseffekt ist es eine schlechte Idee. Gemessen an der Zufriedenheit kann es ein Hauptgewinn sein. Was also will ich? Warum trainiere ich? Bin ich bereit für das soziale Vergnügen ein paar Prozent Trainingseffekt zu opfern? „Dann prima“ – sagt Patrick. Vielleicht nicht für den Hochleistungssportler, aber sicher für den Freizeitsportler. Diese an sich banale Erkenntnis wirft ein Schlaglicht auf eine grundsätzliche Herangehensweise des Trainers Patrick Matros. Er schaut genau hin: wer klettert warum und mit welchem Ziel? Das ist für den Trainer so wichtig wie für den Trainierten. Etwa, wenn es darum geht, jemanden ein Sportlerleben lang zu motivieren. Gerade hoffnungsvolle Nachwuchstalente beginnen heute sehr früh mit dem Training. Dieses Training muss so anpassungsfähig sein, dem begeisterten Kind, dem abgelenkten Pubertierenden, dem jungen Erwachsenen auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit oder dem alternden Profisportler die richtigen Anreize zu bieten.


Nicht für jeden eine gute Idee – das Bier danach | Bild: Third Pole, Arne Bischoff

„Man muss das Motivpuzzle verstehen, das die Menschen zum Klettern bringt“, sagt Patrick. Wo ist die „ursprüngliche Energie? Was ist die Grundmotivation – da sprechen wir fast schon von einem Bedürfnis.“ Nur so könne man verstehen, was die Menschen antreibt und auch psychologisch richtig trainieren. Dieses Motivpuzzle bringt uns auch zurück zu den Basics, dem Arbeiten mit Kindern und der Frage wie man Klettern lernt. Patrick lässt Kinder oft ein Bild von sich bei ihrem schönsten Klettermoment malen. Daran könne man schon Nuancen feststellen: Ist das Bild in der Halle? Stehen die Kinder auf dem Podium? Ist das Motiv draußen? Sind Tiere auf dem Bild? „Es kommen später natürlich Bedürfnisse hinzu aber diese ursprüngliche Energie ändert sich im Laufe des Lebens relativ wenig“, erklärt Patrick.

Patricks eigene Klettergeschichte ist so vielseitig wie der Sport | Bilder: Archiv Patrick Matros

Diese Energie müsse man behalten und fördern, dann könnten die Menschen ein Leben lang mit Freude beim Klettern bleiben. „Klettern ist ein Lifetime-Sport, weil Du durch die Sportart ganz viele Möglichkeiten hast, deine Bedürfnisse in einem speziellen Rahmen zu verwirklichen: Indoor, Outdoor, Sportklettern, Trad, Bouldern, Alpin“, sagt er. Langfristige Motivation hilft übrigens gerade Wettkampfkletterern bei einem ganz entscheidenden Erfolgsfaktor: einer außerordentlichen Frustrationstoleranz. Schon bei der Talentauswahl spielt diese Frage eine Rolle: „wer bleibt langfristig dabei, wer hat das Durchhaltevermögen, die Selbstregulation und die Frustrationstoleranz, die absolute Topathleten brauchen?“ Die Vielseitigkeit des Klettersports kann im absoluten Profibereich aber auch zu einem Problem werden. Wenn es mit dem Training nicht so läuft, kann der Kletterer immer sagen, „dann geh‘ ich halt raus an den Fels, wo ich mir nicht in den Hintern treten muss“. Diese Möglichkeit, seinen Sport als Genuss statt als und mit Disziplin auszuüben, habe ein 100- Meter-Läufer auf dem Weg zum Leistungssportler nicht.


Klettertraining muss abwechslungsreich sein | Bild: Archiv Patrick Matros

Die besten 100-Meter Sprinter und die besten Klettersportler der Welt treffen sich 2020 bei den Olympischen Spielen in Tokio. Im Wettkampfbereich gebe dies einen enormen Schub, so Patrick. Mehr Aufmerksamkeit bedeutet mehr Geld und Sportförderung und auch mehr wissenschaftliche und methodische Forschung, freut sich der Sportwissenschaftler; vor allem über den interdisziplinären Austausch, den dieser Schub ermögliche. Überhaupt, sagt Patrick, sei auf dem höchsten Niveau Austausch immens wichtig. „Das Klettern und sein Training ist so komplex geworden, da kommt man allein nicht an die Spitze.“ Stattdessen brauche man neben dem verantwortlichen Trainer auch Experten in allen Teilbereichen. Im Bereich Fußkoordination etwa hole er sich Experten aus dem Parkoursport, dem Tanz oder dem Fußball dazu.

Klettern ist Problemlösungskompetenz

Aber zurück zu den Basics, wie Patrick gesagt hatte. Warum erfüllt es einen Weltklassetrainer, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten? Zunächst einmal sei es natürlich toll, Erfolge zu sehen, erklärt Patrick. Es eröffne ihm aber auch immer wieder neue Erkenntnisse und Einblicke, die auf seine Arbeit mit Erwachsenen und Profis übertragbar sind. So kritisiert Patrick das starre „Trainieren nach Begriffen“. Wie wenig es funktioniere Menschen zu sagen, sie sollten „entkoppeln“ oder eine „eingedrehte Standardbewegung“ ausführen, könne man ganz stark bei Kindern sehen.

„Klettern ist kein technischer Vorgang im Sinne eines simplen Regelkreismodells. Klettern bietet eine unendliche Vielfalt an Bewegungsmustern und erfordert, auf jedes denkbare Problem eine Bewegungslösung finden zu können.“

Versuche einiger Lehrkonzepte, komplexe Zusammenhänge in einen Begriff wie „entkoppeln“ zu abstrahieren, helfen nicht weiter, so Patrick. Entweder ist der Kletterer gar nicht in der Lage, diesen Begriff in ein Bewegungsmuster zurückzuübersetzen, das seinen Fähigkeiten und der Klettersituation gerecht wird, oder er wird durch diesen Prozess zumindest beim Lernen behindert und verlangsamt. „Wir müssen wieder intuitives Bewegen lernen“, sagt Patrick, verstehen welches Feedback der Körper gibt: „Klettern lernen ist Problemlösungskompetenz lernen.“ Und wie geht das? Wichtig ist, eine Vorstellungsfähigkeit zu entwickeln, welche Bewegungen denkbar sind. Da können verschiedene Methoden helfen. Im Klettern, vor allem im Bouldern läuft sehr viel über den Lernweg des Zusehens und Nachmachens. Das hilft bei Ideen für Bewegungslösungen, also beim Verstehen, was funktionieren kann. Mit dem Nachahmen, was bei anderen funktioniert, kommt man aber schnell an seine Grenzen. „Ich war mit meiner Tochter beim Boulderweltcup in München und ihre Lieblingssportlerin ist Janja Garnbret. Sie hat dann beobachtet, dass Janja sich am Topgriff umdreht und ins Publikum jubelt. Seitdem macht meine Tochter das auch“, schmunzelt Patrick. Das Problem bei diesem sog. „Lernen am Modell“ sei, dass es bei komplexeren Bewegungen als dem Jubel schnell an seine Grenzen stößt. Ad absurdum geführt würde es schließlich dort, wo ein Trainer oder Ausbilder Bewegungsleitbilder von Einzeltechniken vorstellt und die Athleten oder Teilnehmer diese dann ohne individuellen Spielraum nachahmen und einüben sollen, „als ob es beim Klettern eine B-Note mit klaren Bewegungsvorgaben wie beim Geräteturnen gäbe.“


„Genügend Kraft ist ein Zustand, den es gar nicht gibt.” (W. Güllich) | Bild: Third Pole, Arne Bischoff

Vom Popstar des Kletterworldcups kommen wir zurück zum „hottest training book on the planet“ (E. Hörst). Patrick ist immer noch überwältigt vom Erfolg von Gimme Kraft und auch stolz auf das Buch. „Ich habe den Erfolg so nicht erwartet. Ich war aber sicher, dass es den Bedarf gibt“, erinnert sich Patrick. Das Video sei ein guter Starter gewesen und das Buch habe einen Nerv getroffen, mit seinem abwechslungsreichen Mix aus kurzen, knackigen Erklärungen und starken Bildern, die die vielen praktischen Übungen illustrieren. Bei all dem was GimmeKraft richtig gemacht hat, ist es kein tiefgründiges Werk über Trainingstheorie, sondern eine gute und ansprechende Übungssammlung.

„Wenn Gimme Kraft der Popstar ist, würde ich gern Beethovens Fünfte komponieren. Vielleicht mit ein bisschen Popstar dabei.“.

Unser Scarpa-Team besteht aus einer Menge erfahrener und junger Weltklasse-Athleten, die viel zu erzählen haben. Mit den Scarpa-Stories nehmen wir uns Zeit, in Ruhe zuzuhören.

Story #01: Jochen Perschmann
Story #02: Moni Retschy
Story #03: Sebastian Halenke
Story #04: Dicki Korb
Story #05: David und Ruben Firnenburg
Story #06: Toni Lautenbacher
Story #07: Michi Wärthl
Story #08: Dirk Uhlig
Story #09: Jan Mersch
Story #10: Ulli Steiner
Story #11: Sebastian Brutscher
Story #12: Johanna Holfeld
Story #13: Sarah Kampf
Story #14: Peter Würth

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