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11. Juli 2012
Dass mein Bruder Thomas im Februar sein Studium abschließen würde und eine Kletterreise machen wollte, war im Gegensatz zu meinen Semesterferien schon lange absehbar. Doch sobald das Prüfungsamt endlich die Klausurtermine veröffentlicht hatte, stand fest, dass wir gemeinsam losziehen würden, um Heldentaten an den Felsen dieser Welt zu begehen. Nun standen wir vor der schwierigen Frage, mit was genau wir unseren freien Monat verbringen wollten. Sportklettern? Bouldern? Mehrseillängen? Oder gar alpinere Sachen? Da wir uns nicht entscheiden konnten, beschlossen wir, einfach alles zu machen. Und was lag daher näher, als in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu reisen? Und wo gibt es in den USA gute Klettergebiete, die im März perfekte Bedingungen garantieren? In Kalifornien und Nevada! Entscheidung gefallen, Route geplant, Flug und Auto gebucht, Vorfreude grenzenlos! Auch von den Gepäckbeschränkungen bei United ließen wir uns nicht mehr abhalten und landeten schließlich mit einem 80-Meter Seil, zwei Halbseilen, einem Crashpad, einem Sack voller Gear und dem restlichen Kletterzeug in Los Angeles. Und los ging‘s:
Stop 1: Joshua Tree National Park – eine ganz neue Erfahrung
Man kann in J-Tree auch bouldern. Aber mal ganz ehrlich: Neben diesen wunderschönen, verrückten Felshaufen, die aussehen, als hätten Riesen mit Bauklötzchen gespielt, will ich nicht bouldern. Und immer nur den großen Bruder voran zu schicken, der immerhin schon ein paar Mal einen Klemmkeil benutzt hatte, ließ mein Ego irgendwann auch nicht mehr zu. So kam es, dass ich – bisher überzeugter Sportkletterer – irgendwann mit einem gefühlt zehn Kilo schweren Gurt in einem Riss steckte und mich nur fragte: „Was zum Teufel tust du hier eigentlich?“. Doch irgendwie stiegen wir wieder und wieder in eine dieser perfekten Rissspuren ein und hatten mit jeder Route mehr Spaß an dieser komplett anderen Art zu klettern. Ich gebe zu, dass sich jedes Gramm rentiert hat, das das von insgesamt vier Freunden (danke!) zusammengesammelte Material in unserem Gepäck belegt hatte. Die Friends und mich hat zwar auch nach einer Woche eher eine Zweckbeziehung als echte Freundschaft verbunden, aber dafür konnte ich die amerikanischen Kletterer mit meiner Kreativität im Köpferl-Schlingen-Legen beeindrucken.
Stop 2: Red Rock – purer Spaß
J-Tree als ersten Stop einzuplanen war im Nachhinein eine sehr gute Entscheidung gewesen, die uns eine Menge Frust ersparte. Da wir uns mit der amerikanischen Schwierigkeitsskala kaum ausgekannt und Risskletterei bisher sowieso immer vermieden hatten, war uns nicht aufgefallen, dass Joshua Tree in Bezug auf die Routenbewertungen das Altmühltal Amerikas ist. An den Sportkletter-Wänden der Red Rocks schoss unser Onsight-Niveau daher nur so in die Höhe. Nachdem wir uns am roten Sandstein ein bisschen eingegroovt hatten, nahmen wir die hohen Wände hinten in den Canyons in Angriff. Dort erwartete uns in zwei der klassischen und bekannten Routen komplett unterschiedliche und abwechslungsreiche Kletterei vor einer atemberaubenden Kulisse mit Blick auf Las Vegas. Die Klettermöglichkeiten in den Red Rocks - von Sportklettern über Trad und Mehrseillängen bis Bouldern - sind riesig und hätten uns einen ganzen Monat problemlos beschäftigen können. Doch sechs Klettertage und ein Ruhetag – auf dem Strip in Vegas, eh klar - waren ruckzuck vorbei und der nächste Gebietswechsel stand auf dem Plan.
Stop 3: Bishop – das Leben ist kein PonyMauleselhof
Eigentlich hätten wir uns die Übergepäck-Gebühr für das Crashpad sparen können, denn ein einzelnes Crashpad dient unter den Highballs der Buttermilks sowieso nur als Dekoration. Und da Spotten nichts außer zwei anstatt einem Verletzten bringt, konnten wir wenigsten ein paar kühne Kletterfotos vor dem Bergpanorama der Sierra Nevada knipsen. In den anderen beiden großen Boulderspots rund um das Mule Capital of the World, den Happy und Sad Boulders, ist die Boulderhöhe etwas geringer und es tummelten sich deutlich mehr Boulderer und Crashpads unter den Blöcken. Wir profitierten von dem Wissen der hilfsbereiten Locals und ließen uns die „Must-Dos“ der Gebiete zeigen. Als sich die Finger nach sechs Bouldertagen an dem grobkörnigen Fels der Blöcke gar nicht mehr erholen wollten, verbrachten wir die letzten zwei Klettertage schließlich wieder mit Seil in der Owens River Gorge.
Und auf einmal saßen wir wieder im Flieger zurück nach München und fragten uns wie immer nach einem Kletterurlaub, wie die Zeit eigentlich so schnell vergehen konnte. Und wie immer tröstete uns nur die Aussicht darauf, irgendwann zurückzukehren, um unsere Reise dort fortzusetzen, wo sie diesmal endete.
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