Sebastian Halenke – Worldcup Chamonix 215

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27. Juli 2015

Auftakt der Weltcupsaison
Nach einer sehr langen und intensiven Trainingssaison, die für mich bereits Anfang Januar begonnen hatte, war es am 11./12. Juli nun endlich wieder soweit: Der erste Weltcup der Saison (der zugleich auch Europameisterschaft war) im französischen Chamonix sollte wie jedes Jahr den Auftakt der Weltcupsaison darstellen. Mit über 90 Startern bei den Herren galt es sich hierbei in einem sehr großen, aber vor allem starken Feld von Athleten zu behaupten. Doch mit dem Selbstvertrauen einer nahezu optimal gelaufenen Trainingsvorbereitung, konnte ich mich motiviert am Freitag den 10. Juli auf den Weg nach Chamonix machen. Nach einer reibungslosen Fahrt kam ich zusammen mit dem Rest vom deutschen Team gegen 16:30 Uhr im Hotel an. Die Sonne prallte bei über 30°C unerbittlich heiß auf den Planeten, was jegliches Bewegen mühsam machte und auch für die kommenden Wettkampftage war keine Milderung in Sicht. Mit den Kräften haushalten und die Sonne meiden, war folglich die Devise. Nach einem entspannten Abendessen, gefolgt von der Eröffnungszeremonie mit Athletenpräsentation versuchte ich, trotz der Hitze schon bei Zeiten Ruhe zu finden, was mir allerdings eher mäßig gelang.
Am darauf folgenden Morgen hatte ich jedoch ziemlich viel Zeit, da ich in meiner ersten Qualifikationsroute 37.- und in der zweiten 82. Starter war – ich musste mich also auf das Klettern in voller Mittagssonne einstellen. Kurz nach Wettkampfbeginn um 8:30 Uhr machte ich mich also auf den Weg zur Wettkampfstätte, wo ich eine dieses Jahr sehr steile Wand mit stark physisch geprägten Routen vorfand.
Nachdem ich meine erste Qualitour gründlich inspiziert hatte, begab ich mich schließlich in den Aufwärmbereich, um mit meinem „warm-up“ zu beginnen. Durch eine muskuläre Verspannung in Brust und Bizeps, die ich mir unglücklicher weise bei meiner letzten Trainingseinheit zugezogen hatte, war das Gefühl beim Aufwärmen allerdings eher mittelprächtig. Ich versuchte, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und startete gegen 11:00 Uhr zwar ein wenig angespannt, aber dennoch konzentriert in Quali 1. Die ersten Züge liefen flüssig von der Hand und auch die etwas schwereren athletischen Passagen bereiteten mir keine Probleme. So kletterte ich eher kontrolliert und auf Sicherheit bis zur Dachkante auf gut ¾ der Wand, bewältigte auch die danach kommenden Züge und fiel lediglich 3 Züge vor Top, wo ich einen Griff an der falschen Stelle zu fassen bekam. Mit dieser soliden Höhe reihte ich mich vorerst auf Platz 6 ein und konnte somit ohne Stress in die nächste Route gehen.
Nun hatte ich jedoch erstmal eine lange Wartezeit, in der ich bemüht war, so gut wie möglich der Sonne auszuweichen. Ungefähr drei Stunden später, nachdem ich versucht hatte, mich ein weiteres Mal kurz zu aktivieren, ging es für mich in voller Nachmittagshitze (34°C) abermals an die Wand. Den ungünstigen Umständen (Verspannung, Hitze) zu trotz, konnte ich auch in der zweiten Qualifikationsroute eine solide Leistung abrufen und kletterte ziemlich kontrolliert bis nur zwei Griffe unter die Top-Marke des weitesten, wodurch ich mir mit einem 7. Platz problemlos den Halbfinaleinzug unter die besten 26 sicherte. Den Rest des Tages versuchte ich entspannt im Schatten zu verbringen, um möglichst viel Energie für den nächsten Tag zu sparen.
Dieser begann für mich nach einer relativ erholsamen Nacht mit einem entspannten Frühstück am Sonntagmorgen um 7:30 Uhr. Motiviert und guter Dinge begab ich mich anschließend gegen 8:45 Uhr in die Isolationszone. Obwohl die Halbfinalrunde erst um 10:00 Uhr begann, hatte ich durch mein gutes Qualifikationsergebnis bedingt noch einiges an Zeit, da ich erst als 19. Starter an die Wand musste. Im Anschluss an die Routenbesichtigung, bei der ich eine moderat beginnende nach oben hin immer schwerer werdende, steile Kraftausdauerroute vorfand, konnte ich allmählich mit meinem Aufwärmprogramm beginnen. Hierbei war mein Gefühl nun deutlich besser als am Vortag. Muskulär nahezu beschwerdefrei, spritzig und frisch war ich nach dem Aufwärmen motiviert einen starken Halbfinal – Go zu zeigen.
Dementsprechend dynamisch und aggressiv, aber ohne Kraft zu verpulvern, kletterte ich in die Route hinein. Die Züge fühlten sich durchweg gehend leicht an und bereits nach guten 2 Minuten befand ich mich auf der Hälfte der Wand, wobei ich mich noch immer vollkommen frisch fühlte. Einige Sequenzen später, begann ich mein Klettertempo etwas zu reduzieren, da ich von Zug zu Zug auf „die schwere Stelle“ wartete. Diese Taktik wurde mir jedoch bei ungefähr ¾ der Halbfinalroute zum Verhängnis, da mir beim „chalken“ (in den Magnesiabeutel greifen) an einer eigentlich zu kleinen Leiste unerwartet die Hand aufging und ich mich kaum gepumpt in den Seilen wiederfand. Die Enttäuschung war riesig, denn ich wusste, dass noch einer der sechs folgenden Halbfinalisten vor meiner Höhe fallen musste, damit ich ins Finale kommen würde – wovon ich jedoch nicht ausging, da ich noch deutlich weiter hätte klettern können. Minuten voller Bangen und Frustration vergingen… doch es sollte wirklich geschehen! Tatsächlich platzte einer der letzten Starter zwei Griffe unter meiner Höhe völlig platt aus der Wand und ebnete mir damit meinen ersten Finaleinzug bei einem Weltcup überhaupt. Mein ewiger Fluch der neunten Plätze war endlich gebrochen!!!
Erleichtert, aber auch voller Erschöpfung, versuchte ich nun schnell den Energiehaushalt mit einer Nudelsuppe wieder aufzufrischen, um mich anschließend etwas ausruhen zu können. Da ich glücklicher weise jedoch knappe 6 Stunden bis zum nächsten Gang in die Isolationszone Zeit hatte, schaffte ich es, mich vollkommen zu regenerieren und vor allem den mentalen Akku wieder aufzuladen.
Um 19:00 Uhr trat ich schließlich mit neu gewonnener Frische und voller Zuversicht ein letztes Mal den Weg in Richtung Iso-Zone an. Nach einer kurzen Wartezeit, begann ich kurz vor 20:00 Uhr schließlich mein finales Aufwärmprogramm. Bereits nach kurzer Zeit fühlte ich mich dabei fit und spritzig an der Wand und zu meinem positiven Erstaunen sogar deutlich stärker als zuvor während des gesamten Wettkampfes. Das Finale konnte beginnen!
20:45 Uhr wurde die Finalrunde schließlich mit der Präsentation der Finalisten eröffnet: Über 12.000 Menschen, die einem enthusiastisch Beifall applaudieren, gepaart mit der grandiosen Kulisse im Sonnenuntergang unterhalb des Mont Blanc-Massives – wahrhaftig ein unbeschreibliches Gefühl!
Bei der anschließenden Routenbesichtigung fand ich eine mir ziemlich einleuchtende eher ausdauerlastige Route mit einem athletischen Ausstiegsboulder vor. Obwohl ich eigentlich relativ kurze und harte Linien bevorzuge, war ich absolut motiviert und davon überzeugt, richtig weit in der Tour klettern zu können. Die wenigen Minuten nach der Besichtigung blieben mir, um die letzten Vorbereitungen zu treffen und mich noch ein letztes Mal zu fokussieren. Pünktlich um 21:00 Uhr konnte ich meinen finalen Auftritt schließlich beginnen:
Absolut risikobereit und vollkommen konzentriert kletterte ich die ersten Meter und erreichte bereits nach weniger als 2 Minuten die erste kleine Ruheposition auf circa der Hälfte der Route. Nach kurzem Rasten, kletterte ich im selben Stil die kommenden Züge, die sich deutlich leichter anfühlten als erwartet und auch die erste vermeintliche Schlüsselstelle gelang mir problemlos und ohne Kraft zu vergeuden. So erreichte ich wenig später, körperlich noch nahezu frisch, die letzte Rastposition auf gut ¾ der Wand, die ich nutzte, um mich noch ein letztes Mal zu sammeln. Nun ging es an die entscheidende Ausstiegspassage: Auch diese etwas diffizileren Züge gingen flüssig, nahezu von selbst, der Top-Griff kam näher! Noch vier Züge, drei Züge, zwei Züge! Vorletzter Griff!!! … Doch leider rutschte mir unvermittelt die rechte Hand und ich fiel denkbar knapp vor dem Top.
Trotzdem war ich mit meiner Leistung zufrieden, da ich (abgesehen vom „Handrutscher“ am vorletzten Griff) einen perfekten GO hatte. Nun hieß es also abwarten, was meine Höhe Wert sein sollte. Bereits der starke Starter hinter mir (Ramon Julian Puigblanque -> mehrfacher Weltmeister, Europameister, Weltcupsieger) legte jedoch nach und überbot meine Bestmarke, indem er den letzten Zug noch ansetzte, welchen er jedoch auch nicht mehr klettern konnte. Persönlich ging ich davon aus, dass das Finale deutlich zu leicht geschraubt war und rechnete mit einigen Topbegehungen. Doch mit dem Verlauf der Finalrunde wurde ich eines besserem belehrt: Reihenweise fielen die kommenden Finalisten unter meiner Höhe und lediglich einem weiteren Starter (Adam Ondra -> Weltcupsieger, Weltmeister) gelang es noch, den letzten Zug anzusetzen.
Damit landete ich zu meiner großen Überraschung bereits in meinem ersten Weltcupfinale überhaupt auf dem Podium und holte mir bei diesem Weltcup in Chamonix, der gleichzeitig als Europameisterschaft deklariert wurde, die Bronzemedaille. Zwar fand ich es im Nachhinein auch ein wenig schade, so denkbar knapp am Sieg vorbeigeschlittert zu sein, doch die Gewissheit, endlich auch im Erwachsenenbereich vorne angekommen zu sein, brachte mir endlich die lang ersehnte Selbstbestätigung. Die harte Arbeit hatte sich ausgezahlt!!!

Mit diesem Gefühl war ich hoch motiviert, beim nur eine knappe Woche später stattfindenden Weltcup (17./18.07.) nun alles zu zeigen. Dabei machte mir jedoch eine Erkältung mit starker Bronchienverschleimung einen Strich durch die Rechnung, die mich genau zwei Tage vor Wettkampfbeginn ereilte. Trotz der widrigen Umstände erreichte ich bei dem Wettkampf noch immer den 12. Platz und war selbst dabei sehr nah am Finaleinzug dran.
Nach einer kleinen Pause bin ich nun glücklicherweise wieder genesen und hoch motiviert, beim kommenden Weltcup in Imst (31.07./01.08.) in alter Form und Frische an den Start gehen zu können.

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