Tom Lindinger – Tessin aus Tradition

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31. Januar 2017

Schon seit gefühlt einer Ewigkeit ist es Usus für viele Boulderer die Tage um Neujahr im Schweizer Kanton Tessin zu verbringen. Seit 2010/11 gehören auch wir zu den Anhängern dieses Brauches und deshalb wurde auch der letzte Jahreswechsel wieder bei der Familie Stillhart in Claro verbracht. Lorenz, sein Kumpel Thomas Brandt Kjær aus Kopenhagen, meine Freundin Liesa und ich haben uns mal wieder eine Wohnung geteilt und brillante Bouldertage mit Freunden und Bekannten verbracht.

Wie gewohnt haben sich Liesa und ich am 2ten Weihnachtsfeiertag ins Auto gesetzt und sind entspannt gen Süden gepilgert. Lorenz und Thomas wären zwar auch gern am 26ten direkt mit uns ins Gebiet gestiefelt, da sich die Anreise aus Dänemark allerdings etwas mühsamer gestaltet als aus München, sind sie erst am Folgetag mit der passendsten Flugverbindung zu uns dazu gestoßen. Zwar haben sie dadurch meine Begehung von La Grotte des Soupirs [fb 7C+] bei der ersten Nightsession und Le Vent nous Porterà [fb 8A] am nächsten Vormittag verpasst, da wir aber bis 8ten Januar gebucht hatten, war die verbleibende Zeit zum Bouldern auch für die zwei Jungs aus Kopenhagen ohnehin ausreichend. Und das besonders, weil uns die Sonne in diesem Urlaub an 12 von 13 Tagen geweckt hat und keine Zwangsrestdays eingelegt werden mussten. Dieses Luxusproblem hat es zwar auch schwieriger gemacht gemeinsame Projekte zu finden, weil alles trocken war und jeder so seine eigenen Vorlieben abdecken konnte. Da wir aber auch jeden Tag andere bekannte Gesichter getroffen haben waren wir nie einsam und hatten am Abend immer viel vom Tag zu erzählen.

Lorenz und Thomas haben die meiste Zeit in Brione im Val Verzasca verbracht. Die Boulder dort sind optisch als auch qualitativ mit die hochwertigsten auf der Welt. Für Liesa und mich ging es aber trotzdem ausschließlich nach Chironico und Cresciano, weil die Auswahl an bekannten Bouldern bis fb 7B in Brione sehr dünn ist und auf uns auch in Chironico/Cresciano genügend Highlights warteten. In beiden Tälern war die Vorgehensweise aber ähnlich. Im alten Jahr waren wir alle motiviert noch den ein oder anderen Boulder zu unserer Tickliste hinzuzufügen. Ab Neujahr wurde es dann ernster und jeder hat versucht sein eigenes Limit in Form eines Boulders zu finden. Für Lorenz und mich ist dieser Plan gut aufgegangen. Für Liesa und Thomas war es aber ebenso ein erfolgreicher Trip.

Thomas hätte sicherlich auch ein Projekt gefunden, da er aber noch nie zuvor im Tessin gewesen ist hieß die Devise: Knüppeln! Alles! Für den ersten Besuch war die Auswahl letztendlich aber zu groß und er hat sich doch auf die beste Mischung aus Qualität und Quantität fokussiert. Er konnte unter anderem einige fb 8A Boulder knipsen. Namentlich: Frogger, Pamplemousse, Tricky, Marilyn Monroe und Ponk. Seine Performance ist vor allem deshalb beachtenswert, da er vor diesem Urlaub erst einen Boulder in diesem Grad klettern konnte und sich das Training in der Vorweihnachtszeit also sichtlich bezahlt gemacht hat.

Für meine Freundin war es auch ein erfolgreicher Boulderurlaub. Bis 2ten Januar hatte sie von ihrer Wunschliste Sloper Attack [fb 7A], Aviator [fb 6C+], La Digue [fb 6C] und Vasco de Gama [fb 7A] geklettert. Nur das richtige Projekt konnte sie dann im Anschluss nicht ganz finden. Zwar hat sie nach der Begehung von Vasco… den 7C Klassiker Powerstrips ausgecheckt. Da es dann aber ausgerechnet den einen Schlechtwettertag in Chironico gab und es geschneit hatte, wurde der Boulder mit Highball Ausstieg für diesen Urlaub von der Liste gestrichen. Aber aufgeschoben ist ja bekanntlich nicht aufgehoben. Mal sehen wie sie sich darin nächstes Jahr anstellt.

Nun zurück zu Lorenz und mir. Lorenz hatte bereits an Silvester sein ‚Big Projekt‘ für diesen Urlaub ausgelotet. Vecchio Leone [fb 8B] sollte es werden. Nachdem er schon im Herbst den Cruxzug beinahe klettern konnte, war er dieses Mal erneut motiviert sich daran zu versuchen. Und nachdem der Schlüsselzug von einer schlechten Zange in Ägypterposition auf eine Sloperschlitzleiste am 31ten dann endlich geklappt hat, war die Motivation natürlich riesig diese Weltklasse Linie zu klettern und bei verbleibenden acht Tagen auch nur eine Frage der Taktik/Zeit. Am 4ten Januar war der Durchstieg dann in der Tasche und für den restlichen Urlaub war sein Motto, alles zu klettern was in 1-2 Sessions möglich ist und ihm über den Weg läuft. Insgesamt hat er sich dadurch eine beachtliche Tickliste mit zurück nach Dänemark genommen:

Vecchio Leone 8B

Ganymede Takeover 8A+

Kirk Windstein 8A

Pamplemousse 8A

Marilyn Monroe 8A

Le Pilier 8A

Tricky 8A

Jungle Book 7C+

Limited Editon 7C+

Les Doigts Verts 7C+

9th Power 7C

Wie im Urlaub 7C

Brechstange 7C flash

 

Bei mir hat es ein bisschen länger gedauert, bis ich mich auf ein Projekt eingelassen hatte. Ich wusste zwar schon recht früh, dass wenn ich etwas projektiere, es der Klassiker The Dagger [fb 8B/+] von Toni Lamprecht sein sollte. Die Umstellung von schnell viel abknipsen auf ein solches Projekt ist mir aber schwerer gefallen als erwartet. Trotzdem konnte ich mich dann am 3ten Januar aufraffen doch mal nach Cresciano zu fahren und die wie ein Dolch aussehende Linie zu versuchen. Bei der ersten Session ging es mir hauptsächlich um den Ausstieg. Nach den ersten paar schweren Zügen folgt nämlich eine anhaltende Kompressionssequenz, die man gut draufhaben sollte, wenn man von Vorne eine Chance haben will. Insgesamt lief der Ausstieg ganz gut und ich war motiviert nach einem Ruhetag nochmal hinzuschauen und die Cruxzüge auszubouldern. Überraschender Weise hab ich dann bei der zweiten Session eine gute Lösung für diese Anfangssequenz gefunden und das, obwohl ich mich nach dem einen Ruhetag noch nicht ganz erholt gefühlt hatte. Deshalb war die Marschrute für die letzten Tage klar. Noch einmal einen Ruhetag und dann am letzten verbleibenden Klettertag: „All in“. Also entweder mit dem Dolch in der Tasche nach Hause fahren oder ohne ihn und dafür die bisher vollendeten Boulder zelebrieren. Diese waren:

Soilwork 8A+/B

Anchors Punch 8A+

Tricky 8A

Le Vent nous Porterà 8A

Dick und Doof 8A

La Grotte des Soupirs 7C+

 

Am 7ten Januar ging es dann darum alles zu geben was ich hatte. Um ehrlich zu sein waren die ersten zwei Versuche ganz gut, aber dann ging gar nix mehr. Gleich nach dem ersten Zug lege ich einen weit entfernten Toehook, den ich dann auf einmal nicht mehr an der richtigen Stelle platzieren konnte. Eigentlich habe ich mich deshalb zu dem Zeitpunkt schon damit abgefunden, dass ich wohl ohne den Klassiker gemacht zu haben heimfahren muss. Aber dann kam Sebastian Cotting um die Ecke und versuchte sich am Sitzstart zu The Dagger (= The story of two worlds). Das Probieren zu zweit hat die Atmosphäre letztendlich gelockert und nachdem ich dann mal ohne die ersten zwei Züge bis zum Ausstieg gekommen war, witterte ich auf einmal wieder Morgenluft. Relativ entspannt machte ich ein paar Versuche und auf einmal war ich durch die Crux geklettert und lies mich auch am anhaltenden Ausstieg nicht mehr abwerfen. The Dagger war also geklettert und der Urlaub ein voller Erfolg. Mal sehen was das Jahr 2017 noch so bringt…

 

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