Lena Herrmann – Zwischen Klettern und Kultur in Wadi Rum

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5. August 2019

Lena Herrmann – Zwischen Klettern und Kultur in Wadi Rum

Jordanien war ein Land, von dem ich vorab nicht viel wusste – ein Land bei dem ich, um ehrlich zu sein, sogar ein wenig voreingenommen war. Wie ist es dort als europäische Frau? Welche Kleidung ist angemessen? Wie darf ich mich dort verhalten, ohne negativ aufzufallen? Welche Rolle spielt der Islam bei den Beduinen? Über das Klettern habe ich mir zuvor tatsächlich am wenigsten Gedanken gemacht. Wadi Rum ist eine große Wüste im Süden von Jordanien, die sich auch durch Saudi-Arabien zieht. Sie ist gespickt mit riesigen rötlichen Sandsteinwänden, dessen Potenzial unendlich wirkt. Nur ein Bruchteil der Wände ist erschlossen.

Unsere Reisegruppe bestand aus den SCARPA Athletinnen Chiara Hanke, Lara Neumeier und mir, sowie Alex, einer SCARPA Mitarbeiterin, und unserem Fotografen Frank Kretschmann (von dem vermutlich einige dachten, er sei unser Ehemann). Mit dem Taxi sind wir in der Anreisenacht vom Flughafen in Aqaba nach Rum Village gefahren. Dort hat uns ein Beduine, Abdallah, nachts in traditionellem Gewand, mit Stirnlampe und strahlendem Lächeln empfangen. Inmitten unseres Gepäcks ging es auf der Ladefläche seines Pick-ups dann raus in die dunkle Wüste. Rechts und links konnte man die massiven Felswände unter dem Sternenhimmel nur erahnen. In der Ferne sah man hin und wieder die Lichter von Beduinen Camps aufleuchten. Mitten in der Wüste, im Schutz von einem kleinen Felsen, kamen wir dann schließlich in unserem kleinen Camp an. Vor Ort gab es immerhin fließend Wasser und zwei Steckdosen. Die Aufregung am nächsten Morgen war demnach ziemlich groß, als wir aus unseren Zelten ins grelle Sonnenlicht traten und sich die unendlich Weite der Wüste vor uns erstreckte.

Unsere Gruppe war überwältigt von dem Felspotenzial und es war schwer zu entscheiden, mit welchen Routen wir uns in dieser kurzen Woche beschäftigen wollten. Uns fielen sofort die beeindruckenden Rissstrukturen ins Auge. Somit war schnell klar, dass wir das Tradzeug auspacken und wenige Bolts klippen wollten. Die Kletterei war beeindruckend, aber ich finde gleichzeitig auch schwer berechenbar, da man dem Sandstein nicht an allen Stellen ansehen kann, wie kompakt er ist. Mir persönlich hat aber gerade das Spaß gemacht, weil ich anders gefordert wurde, als ich es bisher aus anderen Klettergebieten gewohnt war.

Unsere Reise nach Wadi Rum bot zum Teil einen großen Abenteuerfaktor, den ich persönlich sehr genossen habe, wenn auch nicht immer direkt in der Tour. Es war nicht nur die tolle Crew und das unendliche Felspotenzial, die die Reise zu etwas wirklich Besonderem für mich machten, sondern die Kultur aus erster Hand kennenzulernen und neue Freundschaften zu knüpfen. Unsere Welten, in denen wir leben, könnten nicht unterschiedlicher sein. Alle Beduinen waren unbeschreiblich freundlich und höflich, aber unsererseits hatte sich auch etwas Unsicherheit breitgemacht. Diese ist im Laufe der Woche jedoch so schleichend verschwunden wie die Blässe unserer Haut.

Oft saßen wir in den Mittagspausen mit unserem Guide Yassir bei gutem Essen im Sand und lauschten seinen Geschichten über seine Familie, das Leben in der Wüste und den Quatsch, den er mit seinen Freunden veranstaltet. Bei einigen Tassen „Bedouin Whisky“ – einem sehr süßen, schwarzen Tee – zeigte uns Yassir dann wie man Babyfüße und allerlei Tierspuren in den Sand malt. Das war für mich irgendwie ein persönliches Highlight!

Je mehr sich die Unsicherheit verabschiedete, desto neugieriger wurde ich. Bis spät in die Nacht saßen wir manchmal mit den Beduinen am Feuer und haben über ihr Leben, ihre Kultur und ihre Träume gesprochen, zusammen gelacht und natürlich tassenweise Tee getrunken. In dieser Woche lernte ich die Kultur der Beduinen so kennen, wie ich es mir nie erträumt hätte. Sie möchten, genauso wie wir, Menschen kennenlernen, sie wollen Berge besteigen und die Welt bereisen. Im Endeffekt sind wir doch alle gleich.

Fotos: Scarpa Schuhe AG
Text: Lena Herrmann

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