Scarpa Stories – Tom Lindinger

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19. September 2019

Fokus gefunden: Tom Lindinger

Im gediegenen Münchener Süden öffnet sich die Tür zu einem aufgeräumten, modernen Apartment: Tom Lindinger und seine Freundin Liesa haben zum Abendessen geladen. Kurz zuvor kommt auf Tom’s Youtube Channel ein neues Video raus: Tom draußen am Fels, guter Hip Hop, schwere Züge, Tattoos und Chalk. Zuhause Bandnudeln mit Feta-Spinat und Kirschtomaten. Bei einem „Hellen“ unterhalten wir uns darüber, wie Bouldern sein Leben bestimmt und warum er sich damit pudelwohl fühlt.

Ein bisschen platt sei er, zwei Tage Boulderschrauben stecken in seinen Knochen, am Wochenende davor war er draußen am Fels, morgen geht es wieder um 7.00 Uhr in der Frühe los, um ab 8.00 Uhr in der DAV Halle in Freimann (München) als Routenbauer Boulder-Probleme zu schrauben. Liesa, seine Freundin, ehemalige Sportstudentin und ebenfalls Boulderin, hilft beim Kochen, die beiden wirken in sich ruhend und wie ein eingespieltes Team.

Tom brennt für den Fels, das unterscheidet ihn von den meisten anderen guten Boulderern. In seinem ausgebauten Caddy fährt er so gut wie jedes Wochenende raus in die Natur. Am liebsten nach Franken oder ins Zillertal, häufig aber auch nur nach Kochel.
Wenn es nicht deutlich unter 10°C ist begleitet ihn Liesa, denn ganz so leidenschaftlich wie Tom sei sie dann doch nicht. Nur durch eine gewisse Bereitschaft, mangelnden Komfort in Kauf zu nehmen, schafft man es wohl als 28-Jähriger weit mehr als 100 Boulder ab 8A und etliche leichtere auf seine Ticklist zu kriegen.

Neben den Wochenenden und den Urlauben dreht sich auch beruflich alles ums Bouldern. Zusätzlich zu seiner, etwa drei Tage in Anspruch nehmenden, Teilzeitanstellung als Routesetter, produziert er projektgebunden Videos von Kletterevents wie Wettkämpfen und Bouldernächten. Außerdem dokumentiert er die eigenen Bouldererfolge im Fels und pflegt damit seinen Youtube- und Instagram-Account.

Wie Lego für Große. Wer holt den kleinen Tom aus dem Freimanner Kinderparadies ab?

 

Wie seine Wasserscheue, die höhere Mathematik und Programmiersprachen seinen Weg zum Vollzeit-Bouldern ebneten, erklärt Tom folgendermaßen:
„Eigentlich wollte ich Sport und Mathe auf Lehramt studieren, ich hätte aber aufgrund der geforderten Schwimmzeiten den Sporteignungstest nicht bestanden, ich bin das Gegenteil einer Wasserratte. In der (Sport-)Eignungsprüfung kann man Schwimmen aber leider nicht ausgleichen. Um da bestehen zu können, hätte ich mein gesamtes Klettertraining zugunsten von Schwimmtraining aufgeben müssen. Dazu war ich nicht bereit. Ich bin dann deswegen gar nicht erst angetreten.“
Stattdessen hat er dann begonnen Mathematik und Informatik zu studieren. Aber Mathe an der Uni hatte leider gar nichts mehr mit dem zu tun, was Tom aus der Schule kannte und der Zeitaufwand, den es gekostet hätte nach den Vorlesungen Programmiersprachen für Informatik zu erlernen, wäre auch wieder auf Kosten des Kletterns gegangen. „Das habe ich natürlich nicht gemacht, sondern bin Klettern gegangen, so dass ich nach drei Monaten soweit hintendran war, dass ich das Studium habe sein lassen.“ Was sich vielleicht erstmal wie ein Rückschlag anhört, brachte Tom aber nach vorne. Seine Eltern glaubten ohnehin an ihn. Nach Abbruch des Studiums nutzte er die freie Zeit tagsüber, um sich autodidaktisch ins Filmen- und Fotografieren einzuarbeiten. Trainieren ging er immer abends. So hatte er Zeit nebenbei noch ein Mützen-Häkel-Projekt zu starten und fertigte eigene Wollmützen, das Logo prangt immer noch auf seinem Caddy.

Den Abbruch des Studiums also mit Faulheit in Verbindung zu bringen ist falsch, Tom macht einen sehr fokussierten Eindruck. Manchmal braucht es einfach Mut, seinen eigenen Weg zu gehen.
Tom meint Häkeln ist schön, aber Wollmützen beim Bouldern einfach zu unangenehm, er bevorzuge da dann doch die komfortableren Modelle seines Sponsors Prana.

Aus der Wettkampfszene habe er sich zugunsten des Draußen-Boulderns komplett zurückgezogen. „Jump and Run“ sei sowieso weniger sein Ding, ihm liegen kraftintensive Felszüge. Hier sieht er seine Lücke und Leidenschaft, die übrigens auch die Bewunderung seiner Kollegen in der Kletterhalle und anderer guter Boulderer hat. Es gibt schon einige die vom Schwierigkeitsgrad vergleichbar schwere Boulder klettern können, jedoch sehr wenige, die so einen starken Felsfokus dabei hätten.

 

Um soviel Zeit wie möglich am Fels zu verbringen unterhält Tom einen mobilen Zweitwohnsitz.

 

Zu Wettkämpfen und Hallen-Events gehe er trotzdem regelmäßig, heute aber zumeist in der Funktion als Filmer. In der Kletterszene fühlt er sich wohl. Allerdings stören ihn zwei Sachen schon. Er wünscht sich, dass die Boulderer und Kletterer die Natur etwas mehr respektieren und „auch mal eine Bürste zur Hand nehmen“. Und bei Kletter-Events wäre „ein bisschen mehr Lockerheit“ schön. „Es spricht doch nichts dagegen sich nach einem Event mal einen Longdrink zu gönnen, stattdessen denken die Kletterer häufig immer schon an den nächsten Tag.“ Die Dinge nicht immer ganz so ernst nehmen, das wünsche er sich. Allerdings betont Tom auch, dass er sich da selber miteinschließt, er sei auch kein Partymensch.

Trainingsdisziplin, wie man sie bei einem selbsterklärten Nicht-Partymenschen vielleicht erwartet, sucht man bei Tom aber vergebens. Kein Ernährungs-, Kraft-, Ausdauer, Campusboard- und Yoga-Plan. Drei Tage lang auf unterschiedlich hohen Niveaus schrauben, das reiche ihm. Die extreme Abwechslung trainiere alles. Seine Boulder, seine Fitness und seine Verletzungsfreiheit gebe ihm recht.

„In der Kletterszene und mit meinem jetzigen Lifestyle fühle ich mich wohl, deswegen habe ich keinen akuten Änderungsbedarf“. So bringt Tom es abschließend auf den Punkt.

Unser Scarpa-Team besteht aus einer Menge erfahrener und junger Weltklasse-Athleten, die viel zu erzählen haben. Mit den Scarpa Stories nehmen wir uns Zeit, in Ruhe zuzuhören.

Story #01: Jochen Perschmann
Story #02: Moni Retschy
Story #03: Sebastian Halenke
Story #04: Dicki Korb
Story #05: David und Ruben Firnenburg
Story #06: Toni Lautenbacher
Story #07: Michi Wärthl
Story #08: Dirk Uhlig
Story #09: Jan Mersch
Story #10: Ulli Steiner
Story #11: Sebastian Brutscher
Story #12: Johanna Holfeld
Story #13: Sarah Kampf
Story #14: Peter Würth
Story #15: Patrick Matros
Story #16: Stefan Knopf
Story #17: Toni Steurer
Story #18: Gitti Stork

Text, Interview Produktion: Hannes Künkel/Third Pole
Fotos: Martin Poetter
Felsaufnahmen: Archiv Tom Lindinger (Liesa Hergeth)

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