Zu Hause

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31. März 2020

 

ZU HAUSE

30.03.2020

– von SCARPA® Athlet Pauli Trenkwalder

 

 
Sonntag 08. März 2020 19.00 Uhr

Ich bin auf der Heimreise vom Kaunertal. Am Telefon schildert mir meine Frau Verena die sich verschärfende COVID-19 Lage zu Hause in Südtirol. Surreal denk ich mir: 2 Tage nicht erreichbar in den Bergen unterwegs und die Welt ändert sich. Uns werden Veränderungen überrumpeln, die wir uns nicht vorstellen konnten.
Seit dem 04. März geht unsere Tochter Nora nicht mehr in die Schule. Geschlossen! Wie lange? Keine Ahnung. Im zwei Tagesrhythmus verschärfen sich die Verhaltensvorschriften und die Bewegungsfreiheit. Stand heute 26. März:

– die Grenzen haben schon lange geschlossen
– das Gemeindegebiet darf nicht verlassen werden
– Joggen oder Spazierengehen ist nicht mehr erlaubt
– alle Produktionsbetriebe mussten schließen
– Beerdigungen finden ohne Messe auf dem Friedhof und nur mit max. 10 Angehörigen
statt
– nur Lebensmittelgeschäfte und Apotheken haben geöffnet
– und vieles mehr …

Ständig und andauernd werden wir informiert. Unzählige Quellen stehen uns zur
Verfügung und gleichzeitig ist der Ernst der Lage noch nicht bei allen angekommen.
Als Bergführer ist es meine Aufgabe, Menschen durch die Berge zu begleiten und
Entscheidungen zu treffen. Durch den natürlichen Autoritätsunterschied wird mir ein
Vertrauensvorschuss entgegengebracht, den ich stets wahren und nicht verspielen will.
Schwierig wird Führung immer dann, wenn mir Gruppenmitglieder besserwisserisch
erklären wie das Wetter nun wirklich wird, wie die Lawinenlage doch auch anders
interpretiert werden kann und ob die Route nicht doch weiter links verläuft.
Selbstverständlich kann ich als Bergführer & Psychologe mit solchen „schwierigen“
Gästen umgehen. Gleichzeitig ist Führen und das Treffen von Entscheidungen leichter,
wenn sich Gäste führen lassen. Was eine gute Führung ausmacht, dass die Bedürfnisse
von Sicherheit, Zugehörigkeit und Geltung befriedigt werden müssen, ist eine andere
Diskussion. Mir hilft aber dieser Gedanke, denn in der aktuellen Situation bin ich es, der
sich führen lassen muss. Den Entscheidungsträgern, die vernünftiger weise auf die
Wissenschaft hört, gebe ich nun meinen Vertrauensvorschuss. So halte ich mich an die
Vorgaben und Beschränkungen und es fällt mir nicht schwer. Da brauch ich nicht zum
selbsternannten Virologen mutieren und Halbwissen verbreiten. Denn genau dieser
Menschenschlag geht mir bei meiner Arbeit auch auf die „Socken“ (Nerven).
Die BergsteigerInnen, KlettererInnen und AlpinistInnen, egal ob Profi oder Normalo, sie
alle sprechen vom Umgang mit Risiko, sie alle kennen das Erleben von Angst und Sorge
und das zurückdrängen dieser Gefühle, sie alle erzählen von Geduld und Demut die der
Berg ihnen abverlangt, sie alle betreiben hartes, konsequentes Training und sind
zielstrebig. Das sind doch hervorragende Voraussetzungen, um die derzeitige Krise
psychisch gut zu überstehen.

Wer immer noch hippelig zu Hause über seine eingeschränkte Bewegungsfreiheit nach sinniert, warum er oder sie nicht zum Klettern oder Skitourengehen darf, kann oder soll, der kann sich gerne die Frage stellen, bei welchen der oben genannten Persönlichkeitskompetenzen er noch Luft nach oben hat. Zeit daran zu arbeiten gibt’s jetzt ausreichend.

Auf den Instagram und Facebook Stories sieht man zur Zeit viele Challenges, Nominierungen und Aufrufe der Kletter- und Bergsportszene. Einarmig an der Klimmzugstange hängend eine Jacke anziehen, alte Bilder posten, Liegestützenwettbewerb , Livetrainings und viel neue Hashtags #ichbleibzuhause #trainthefuckhome usw. Warum? In der Zeit der Isolation schafft dieses Onlineverhalten ein Gefühl der Gemeinschaft ein Gefühl der Zugehörigkeit und somit etwas Sicherheit. Vor einigen Wochen haben wir noch gewitzelt. Dann wurde der Alltag ernster und sorgenreicher. Wir lachen nicht mehr. Und doch wer kennt sie nicht, die lustigen Whatsapp Nachrichten. Sozialpsychologisch gesehen ist dies eine Reaktion, ein Versuch mit ernsten und schlimmen Situation umzugehen. Was nicht aushaltbar ist, wird mit dieser Abwehrreaktion aushaltbarer gemacht. Lachen tut uns gut und schafft für einen kurzen Moment Erleichterung.

Meine Familie und ich sind noch alle gesund. Wir leben in einem wunderbaren Ort und können in den Garten. Ich übe mich in Mitgefühl für all jene die in einer kleinen 2- Zimmerwohnung ohne Balkon durchhalten müssen, für alle die voller Sorge sind und nicht wissen wie es finanziell weitergehen soll, für die Angehörigen die nach dem Tod eines geliebten Menschen nicht Abschied nehmen können, für alle Frauen und Männer im Gesundheitswesen die ihr bestes geben und für alle Frauen, die in der häuslichen Quarantäne Gewalt erleben.

Ich betreibe Psychohygiene durch Training, Meditation und Telefongespräche mit Menschen die mir wichtig sind! Ich bin für andere da und ich blicke mit Zuversicht nach vorne. Alle meine Bergziele und Kletterprojekte warten geduldig bis der Sturm vorbeigezogen ist.

 

www.paulitrenkwalder.com
www.menschundberge.com

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