Der Booster – Chiara und Chris Hanke testen für Euch

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6. Juli 2020

 

Boostic, Stix und Booster S… Legenden aus längst vergangenen Zeiten. Als nun das Ende der Ära des Booster S eingeläutet wurde, wurden noch einmal alle Vorräte aufgefüllt und das Dachgeschoss oder der Keller zum ultimativen Kletterschuhbunker umfunktioniert. Wann wird es jemals wieder so einen Schuh geben?

Die Sorgen waren unbegründet, denn Scarpa hat sich ins Zeug gelegt und mit dem Launch des neuen Booster für einen gleich-, wenn nicht sogar höherwertigeren Ersatz gesorgt.

Was ist anders? Was ist überhaupt Sache?

 

 

Natürlich fällt einem gleich ein ungewohnter Farbton auf: im Gegensatz zu dem hornissengelben Booster S, ein eher sanfter Orangeton, eingebettet in ein graues Bandsystem, umrandet mit schwarzem Gummi.

Damit sind wir auch schon beim Eingemachten. Die Sohle besteht aus dem Vibram® XS Grip2 Gummi. Ein Gummi mit dem Vorteil weniger Abrieb und mehr Kantenstabilität zu leisten. Beim Wettkampf oder in überhängenden Routen, aufgrund der guten Reibungseigenschaften, inzwischen unverzichtbar.
Kommen wir zu dem ungewohnten Orangeton am Schuh. Beim Befühlen des Materials konnte ich gleich feststellen, hier wurde ein deutlich dünneres Material verwendet als beim Booster S. Tatsächlich, das Außenmaterial ist eine 1,6 mm dünne Schicht aus Mikrofaser mit abriebfestem Sechskant Keramikmuster. Ein Fakt noch nebenbei: Der Schuh ist inzwischen lederfrei und komplett vegan-friendly.
Eine letzte, auffällige Sache bevor wir in das Innenleben der komplizierten Bänder- und Zwischensohlen-Konstruktionen eintauchen. Das graue Band, das sich im Mittelfußbereich um den Fuß legt und seitlich bis zur Ferse zieht, ist das DTS – Spannsystem. DTS – steht für Differentiated Tension System und konzentriert den Zug des Bandes auf den großen Zeh ohne dabei die Passform zu beeinträchtigen. Wenn man sich die Unterseite des grauen Gummis ansieht, fallen kleine Löcher im Bereich des Mittelfußes auf. Diese bieten dem Schuh im perforierten Bereich Flexibilität.  Im Bereich des Außenrist, sorgt das nicht perforierte Gummi für eine strenge und dynamische Ausrichtung der Fußsohle, um eine ordentliche Portion Kraft auf den großen Zeh zu bringen.

Die Ferse: Entweder hat man die berüchtigte Mariacher-Ferse oder nicht! Nein so ganz stimmt das auch nicht, denn es verbirgt sich doch so einiges mehr hinter dem knubbeligen Ende jeden Fußes. Also hineingeschlüpft in den Schuh, ja richtig gehört „hineingeschlüpft“, denn die Zeit der Plastiktüten und des Badengehens mit den Kletterschuhen ist vorbei. Wir leben im 21. Jahrhundert, Kletterschuhe werden so konzipiert, dass man nicht mehr 5 Ibus benötigt, um einen Schuh einzuklettern. Der sonst eher unsanfte Druck auf das Fersenband fehlt beim Booster und das hat einen Grund. Das starke Fersenband, welches seitlich hinter dem Schuh der Ferse hin hochgezogen wird, ist an der Ferse unterbrochen, um den unangenehmen Druck auf die Achillesferse zu verringern. Anstatt des durchgehenden Bands, wird die Unterbrechung durch ein weicheres Gummi überbrückt. Um festzustellen wie stark die Spannung auf dem Fersenband ist, hat Scarpa hier drei Löcher angebracht, welche als Indikatoren dienen, wie stark das Band gespannt ist. Ist nur ein Loch eingestanzt, steht das Band leicht unter Spannung, zwei Löcher bedeuten mittlere Spannung und bei drei vollen Löchern steht das Fersenband unter einer starken Spannung.

Was ist noch aufgefallen beim ersten „hineinschlüpfen“?

 

 

Ein angenehmer Druck auf der Zehenbox. Gerade bei Schuhen mit extremem Downturn, wie allgemein in der Sharp Line, ist eine entsprechend hohe Zehenbox von großem Vorteil. Um auf kleinen Tritten stehen zu können, sollten die Zehen in einer half-crimped Position liegen, eigentlich ziemlich ähnlich zum Greifen mit der Hand. Kleine Griffe, wie Leisten, hält man auch besser in einer aufgestellten Fingerposition. Genauso verhält es sich mit der Zehenbox und ist der Grund für die Höhe, um den Zehen beim Aufstellen Platz zu schaffen.

Unter der Zehenbox liegt noch ein weiteres Teilchen verborgen, eine kleine Platikplatte. Bei älteren Modellen nur unter dem äußeren Zehenrand zu finden, ist diese hier fast im kompletten Vorderfußbereich unter den Zehen angebracht. Eine Aussparung in der Mitte gibt die nötige Flexibilität. Eine kleine Etage höher, im Schuhinneren, schmiegt sich Alcantara an die Form der Zehen an. Wer den Furia Air kennt, hatte dieses Material auch schon einmal am Fuß.

Genug Theorie, auf zur Praxis:

Also, reingeschlüpft in den Schuh und los ging es. Getestet wurde in der Halle, an wettkampftypisches Bouldern, am Felsen und natürlich in der vollgespaxxten Deffinierwand.

Wie schon erwähnt, ein für mich ungewohnt angenehmer Schuh, im Vergleich zur selben Größe im Model Booster S. Der Vorfuß ein wenig breiter, was mir sehr entgegenkommt und in der Ferse ein wenig schmaler konzipiert. Ein angenehmer Zug auf das Fersenband und im ersten Eindruck ein wenig näher an den Tritten. Der Eindruck täuscht nicht. Kleine Tritte fühlt man gut durch die Sohle und sind sehr präzise anzutreten. Wer noch mehr spüren möchte muss dann schon zum Drago oder Furia Air greifen. Wer es ein wenig härter möchte, für den kommt dann der Mago in Frage. Verhalten auf Volumen: Hervorragend! Es wäre natürlich gelogen die außergewöhnlichen Reibungseigenschaften eines Drago oder Furia Air damit gleichzustellen, aber für einen so präzisen Schuh ist er dennoch sehr gut im Reibungsgelände unterwegs. Vielleicht genau der Kompromiss auf den man schon lange gewartet hat.

Im Felstest ist der Booster auch keine Enttäuschung. Genau wie in der Halle ist präzises Stehen auch hier sein Stärke. Man spürt förmlich die Struktur kleiner Kanten durch das Gummi, hat aber genügend Spannung im Zehenbereich, um daraus auch was zu machen. Der Hook hält was er verspricht, also genau das was ein Hook auch sollte.

Das Gerät auf einen Punkt gebracht: Präzision

 

Text: Chris Hanke 

Getestet haben: Chiara  und Chris Hanke

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